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Szene

Die Donauten, Teil 2: Unter Motorbooten

26. Juli 2010 von Niels Hoffmann

Ein Fotograf und ein Autor im Kanu vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer. Die Brüder Lars und Niels Hoffmann reisen auf der Donau einmal quer durch Europa. Ausgestattet mit einer kompletten Fotoausrüstung treffen und fotografieren sie die »Gesichter der Donau«: Menschen und Landschaften. Für das Kanumagazin berichten sie hier in mehreren Kolumnen direkt vom Fluss.

Bitte anklopfen. Wer auf die Schlögener Au will muss zuhauen können.
Foto: Lars Hoffmann

Wer in Wien dieser Tage ein Exemplar der ZEPTER-Zeitung ersteht, kann in dem nationalen Revolverblatt einen echten Streit unter Wissenschaftlern verfolgen. Unter der Schlagzeile »Wissenschaftler enthüllt: Donau-Motorbootfahrer doch keine Menschen?« gibt es seit mehreren Ausgaben nun schon zahlreiche Artikel die sich alle samt um die Fragestellung drehen, ob die Mehrzahl der Freizeit-Motorbootfahrer auf der oberen Donau wissenschaftlich tatsächlich als Menschen klassifiziert werden können oder doch eine Sonderstellung zwischen Mensch und Tier oder vielleicht sogar unter Mensch und unter Tier einnehmen. Doch fangen wir mal am Anfang der Geschichte an. Stein des Anstoßes war die Veröffentlichung der Ergebnisse einer durch EU-Mittel finanzierten Langzeitstudie. Innerhalb dieser Untersuchung beobachtete die Forschergruppe um den renommierten Soziobiologen und Mediziner Prof. Dr. Dr. Heinrich Brockmann vier Dutzend Freizeit-Motorbootfahrer auf dem deutschen und österreichischen Teil der Donau. Mit bahnbrechenden Ergebnissen. Erstmals wurde mit dieser Arbeit wissenschaftlich nachgewiesen, dass die überwiegende Mehrheit (94,4 %) der Donau-Motorbootfahrer über einen extrem niedrigen Intelligenzquotienten von 25 oder weniger Punkten verfügen. Zum Vergleich: ein Rhesusaffe liegt etwa bei 60, ein Bandwurm so bei etwa 30 IQ-Punkten. Um dennoch eine evolutionäre Nische in der Gesellschaft besetzen zu können, versuchen die Freizeitkapitäne ihre Umwelt durch die Präsentation ihrer entblößten Oberkörper – ganz gleich welcher Beschaffenheit – und durch gorillaartige Mimik und Körperhaltung zu beeindrucken. Dazu Prof. Brockmann: »Das ist eine klassische Reaktion, welche wir auch schon bei Laborratten beobachten konnten. Kognitiv unterlegene Exemplare stellen sich ständig völlig seltsam zur Schau, verfallen dann später häufig einem permanenten Kopulationszwang und sind dabei in Sachen Partnerwahl recht anspruchslos, vielen reicht da schon eine alte Kartoffel. Bei den Motorbootfahrern hätten wir so ein Verhalten nicht vermutet, doch die Wissenschaft kann manchmal recht überraschend sein«.

Neben der geistigen Beschaffenheit wurde innerhalb der Studie auch das soziale Verhalten der Donau-Motorbootfahrer untersucht. 99,7 % der Probanden zeigte bei den nach internationalen Standards durchgeführten Tests keinerlei menschliche Verhaltensformen. Die untersuchte Bevölkerungsgruppe sei unfähig ihre Umwelt wahrzunehmen und verantwortungsgerecht zu handeln. In einer parallelen Vergleichsuntersuchung wurden Schimpansen hinter das Steuer eines Donau-Motorbootes gesetzt und bei ihren fahrerischen Manövern auf dem Fluss beobachtet. »Die Schimpansen schnitten in der Vergleichsstudie viel besser als die Menschen ab. Drei Viertel der Affen nahmen während der Fahrt ihre Umwelt aktiv wahr, mehr als die Hälfte der tierischen Kapitäne fuhr darüber hinaus verantwortungsvoll und versuchte beispielsweise Paddelbooten mit gedrosselter Geschwindigkeit und Abstand zu begegnen«, fasst der Forscher die Ergebnisse zusammen. Warum die Mehrzahl der »menschlichen« Motoorbootfahrer dazu nicht in der Lage sind, bleibt jedoch für die Wissenschaftler vorerst ein Rätsel. »Wir können da zum jetzigen Zeitpunkt nur Vermutungen anstellen. Fest steht, dass alle 48 humanoiden Probanden über so genannte Schrumpfhirne verfügen und in ihrer Kindheit und Jugendphase nie richtige Freunde oder Partner hatten. Auf jeden Fall kommt man nach Abschluss unserer Untersuchungen unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht umhin, dieser Art von Individuen ihren Status als Mensch abzuerkennen«, so Prof. Dr. Dr. Brockmann.

Wunderbare Donau: Die beinharten Frachtkapitäne passieren die Schlögener Schlinge.
Foto: Lars Hoffmann


»Wow«, denke ich, schaue im Kanu sitzend kurz von der Zeitung auf, irgendwie habe ich das ja schon die letzten 600 Kilometer so geahnt. Aber das aus dem Mund eines Wissenschaftlers zu lesen ist doch noch etwas anderes als bloß so eine private Ahnung. Vielleicht könnte man ja diese Motorboottypen durch die Schimpansen ersetzen, das würde ja sicherlich schon etwas bringen, in Sachen Rücksicht und so. Und visuell wäre das dann auch nicht mehr so eine extreme Zumutung. Und dann könnten sie auch noch Elektromotoren in diese permanent lärmenden Freizeitmobile einbauen, aber nur so ganz kleine. Und jemand sollte den Autor der ZEPTER-Zeitung für diesen Pulitzer-Preis nominieren. Weil jetzt endlich mal die Wahrheit auf den Tisch kommt und so. Naja, die richtigen Donau-Frachter gefallen mir eh besser. Schiffe mit einem rostigen Charme, deren Steuermänner die letzten richtigen Vollbluttrucker der Donau sind. 6 Stunden Wache, 6 Stunden Schlaf, 6 Stunden Wache – beinhart. Von Deggendorf bis runter ins Delta, nach Rumänien, den Bunker voll bis unters Dach, harter Tobak, starker Kaffee. Richtige Kerle halt. »Vollgas-Motorboot-Unmensch von vorn«, ruft mein Bruder in diese Überlegungen hinein, begleitet von schlagartig lauter werdenden Motorengeschrei. Na dann, Zeitung wasserdicht verpacken, Persenning festkletten, Kurs auf halb rechts, Schwamm und Ösfass in Reichweite halten – alles bereit machen zum Eintauchen. Auch das ist die Donau.

Die Donauten im TV & neuer Bildband

Im Dezember gibt es dann die Brüder im deutschen Farbfernsehen zu sehen, die sechsteilige 3sat/ZDF-Produktion »Die Donauten« begleitet die beiden Abenteurer auf ihrer Odyssee bis zur Mündung ins Schwarze Meer.

Ebenfalls im Dezember erscheint von beiden unter dem Titel »Gesichter der Donau« ein Reisebildband besonderen Form. Mehr Informationen zu Lars und Niels Hoffmann gibt es unter www.cold-nose.de.


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