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Szene

Auf der Flutwelle nach Bremen

26. September 2008 von Stefan Schorr

Kleine Wellen kräuseln das Wasser. Die örtliche Tageszeitung wird berichten, dass Wind und Wellenschlag den Tidenrallye-Teilnehmern ordentlich zu schaffen machten.

Paddler richten sich für den Start.
Fertigmachen zum Start.
Foto: Ronald Schnor

Ich glaube, ich wäre heute besser im Bett geblieben. Eine halbe Stunde vor dem Start zur internationalen Weser-Tidenrallye steige ich im Sportboothafen Nordenham-Großensiel zwischen Segelyachten vom Anlegesteg in mein Boot. Ich schiebe es kräftig ein Stück nach hinten, um nicht gegen den vor mir liegenden Kajak zu stoßen. Dadurch gerate ich allerdings mit dem Heck unter einen am Steg hängenden Fender, mein Boot kippt nach links und läuft voll, bevor ich die Schräglage ausgleichen oder die Spritzdecke schließen kann. Halb im Wasser und halb am Steg hängend überlege ich, warum ich nicht einfach die mit Kunstrasen ausgelegte Rampe am anderen Steg benutzt habe. Peinlicher kann das hier ja wohl nicht mehr losgehen.

 

Startschuss zur Tidenrallye

Teilnehmer der Weser-Tidenrally paddeln davon.
Los geht's! 340 Paddler verteilt auf etwa 300 Boote nahmen an der 24. Tidenrallye teil.
Foto: Ronald Schnor

 

Na ja, jammern bringt nun auch nichts. Ich bin zügig aus dem Hafenbecken zurück auf den Steg geklettert, habe dank spontaner Hilfe eines anderen Teilnehmers das Wasser aus dem Boot entleert und habe von einer charmanten 69-Jährigen aufmunternde Worte gehört. Beim erneuten Einsteigen halte ich ausreichend Abstand von rumhängenden Fendern. Meine nasse Hose halte ich bei 25 Grad und Sonnenschein nicht für wirklich dramatisch – also los. Ich paddle langsam zwischen die beeindruckende Schar bunter Boote, die im Hafenbecken auf den Startschuss wartet: 340 Küstenpaddler aus Norddeutschland, dem Rest der Republik, aus Kiew, Brüssel und den Niederlanden. Verteilt auf rund 300 Boote: überwiegend Seekajak-Einer, einige Zweier, Tourenboote, Mannschafts-Ruderboote, vereinzelt Faltboote, Kanadier, Rennbote und ein großer Outrigger.

 

Norbert Köhler, Präsident des Landes-Kanuverbandes Bremen, hält eine Begrüßungsrede in Vertretung des terminlich verhinderten Willi Lemke. Der SPD-Politiker hat als frisch gekürter UN-Sonderbeauftragter für Sport und Entwicklung die Schirmherrschaft der 24. Auflage der alle zwei Jahre stattfindenden Weser Tidenrallye übernommen. Köhlers Worte sind zwar nicht zu verstehen und ein Startschuss dringt auch nicht bis aufs Wasser hinüber. Aber irgendwann bewegt sich der Pulk mit geräuschvollen Paddelschlägen in Richtung Hafenausfahrt. Ich reihe mich im hinteren Drittel des Feldes ein, halte mich vom Stau in der Hafenausfahrt fern und gleite schließlich auf die Unterweser.

Kleine Wellen kräuseln das Wasser. Die örtliche Tageszeitung wird berichten, dass Wind und Wellenschlag den Tidenrallye-Teilnehmern ordentlich zu schaffen machten. Den Eindruck habe ich nicht. Mancher im Feld legt eine Schlagzahl wie für einen Kurzsprint vor. Schon nach wenigen Minuten liegen einige hundert Meter zwischen den ersten und letzten Booten. Die Führenden werde ich heute wohl nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich gehe die Sache nämlich eher gelassen an. Nach einem Paddelkilometer-reichen vergangenen Jahr habe ich vor meiner Teilnahme 2008 gerade zwei Mal für Kurzstrecken im Boot gesessen.

Länge läuft

 

Was soll's? Das Wetter ist sommerlich, der Wind weht mit Stärke vier aus Ost und somit zunächst von der Seite, mein Paddel liegt prima in der Hand und mein Boot läuft gut. Ich habe einen 5,20 Meter langen Necky Looksha IV von meinem Verein Kanusport-Freunde Bremen mitgebracht. Länge läuft ja bekanntlich. »Der Start ist seit einigen Jahren immer erst anderthalb Stunden nach Niedrigwasser«, hat mir Norbert Köhler außerdem vor der Rallye erzählt. »Das bedeutet vom Start weg ordentlich Strömung, die dann erst kurz vor Vegesack weniger wird. Auf dem letzten Stück auf der Lesum strömt es dann wieder wie Sau.« Das lässt hoffen.

 

Ich gewöhne mich schnell an die kleinen Wellen und finde meinen gleichmäßigen Paddelrhythmus. Bloß nicht von der Geschwindigkeit der Boote um mich herum beeindrucken lassen. Noch ist nämlich ordentlich Zeit, bis die Tide im 44 Kilometer entfernten Vegesack kippen und damit das Gegenanpaddeln schwer bis unmöglich machen wird. Hochoffiziell geschlossen wird das dortige Goldziel an der Lesum bei TURA Bremen um 19.30 Uhr.

Wer gern mal plaudert, paddelt besser im Zweier.
Foto: Ronald Schnor

Um 14.40 Uhr passiere ich in Brake große Frachtschiffe und Häuser, deren hübsche Gärten bis ans Wasser reichen. 15 Uhr. 18 Kilometer sind geschafft. Erste Boote steuern die hübschen Sandstrände an, um dort eine Pause zu machen. Mit tut – überraschender Weise – noch gar nichts weh. Also weiter. Wirklich schnell bin ich sicherlich nicht unterwegs. Für die nächsten zwei Kilometer brauche ich etwas mehr als zehn Minuten. Macht in der Stunde knappe zehn Kilometer. Gar nicht mal schlecht, aber es reicht nur, um weiter im hinteren Drittel der Teilnehmer mitzupaddeln. Immer wieder mal schaue ich mich um und befürchte, das »Besenboot« direkt hinter mir zu haben. Doch ich sehe das Motorboot am Ende des Feldes, das mit einem Besen gekennzeichnet ist , nicht. Glück gehabt. Wobei der Anblick auch nicht tragisch wäre.

Rally ohne Wettkampf

 

Bei der Tidenrallye gibt es keinen Wettkampfgedanken. Die schnellsten werden nicht mit Preisen bedacht, die Platzierungen nicht einmal notiert. Was natürlich nicht davon abhält, sich hinterher zu erkundigen, wer als erster am Goldziel bei TURA Bremen war. Diesmal werden das Andreas Flunker und Thomas Kittner sein. Die einstigen Leistungssportler vom Bremer Verein für Kanusport brauchen mit ihrem Zweier nur unglaubliche zwei Stunden und 50 Minuten. Auch gerne gefragt wird nach den Bootstypen der Spitzenreiter. Ein Triton-Faltboot wird für Verwunderung sorgen. Dann bleibt noch die Frage, wie lange man selbst braucht. Na, das kann noch dauern.


Ich gönne mir um halb vier nämlich erst mal was zu Essen aus meinen Bordbeständen. Was natürlich umgehend dazu führt, dass mich einige Boote überholen. Das ein oder andere Boot hole ich später wieder ein. Insgesamt finde ich es jedoch schade, dass ich nie über längere Zeit neben jemandem paddle, der mein Tempo fährt. Wenn überhaupt mal ein Gespräch entsteht, ist es nur von kurzer Dauer, bis der Gesprächspartner wieder von dannen zieht oder zurück fällt. Bei einer erneuten Teilnahme würde ich eher im Zweier starten, gemeinsam mit einem interessanten Gesprächspartner.

Rallye mit Geschichte(n)

Jugendliche ab 14 Jahren paddeln bei der Rallye ebenso...
Foto: Ronald Schnor

 

Erstmals in ihrem Zweier »Tolles Teil« sind in diesem Jahr Werner Born, Jahrgang 1939, und Frau Brigitte, Jahrgang 1936, bei der Tidenrallye dabei und nach vier Stunden und 50 Minuten am Goldziel. Die beiden gehören zu den ältesten Teilnehmern im Feld, in dem auch einige Jugendliche, wie etwa der 15-jährige Marlin Meier von TURA Bremen, unterwegs sind. Werner Born sorgte als damaliger Vorsitzender des Landes-Kanuverbandes Bremen für die Wiedereinführung der Veranstaltung, die 1973 erstmals – damals noch unter dem Namen Bremer Tidenrallye – stattfand. Herbert Loseke, Organisationsleiter der ersten zehn Rallyes, und sein Team entschieden sich für Nordenham als Startort, Berne als Silberziel und den Ruderverein von 1882 in Bremen als Goldziel. Rund 400 Paddler und 40 Ruderer gingen 1973 an den Start, zur zehnten Jubiläums-Rallye wurde die Rekordteilnahme von 1200 Booten mit 1500 Paddlern und 600 Ruderern erreicht.

...wie reifere Semester.
Foto: Ronald Schnor

Nach der 19. Tidenrallye im Jahr 1992 (ein Mal wurde die Veranstaltung abgebrochen) war dann Schluss. Die Goldstrecke von 57 Kilometern war vielen Paddlern zu weit. »Damals kam es noch häufig vor, dass selbst erfahrene Paddler am Ziel ihr Kajak sofort verkaufen wollten«, erinnert sich Born schmunzelnd. Außerdem waren die Mitglieder des Organisationsteams ausgepowert oder durch Familiengründung anderweitig ausgelastet.

Erfolgreiche Wiederbelebung

 

Das 50. Jubiläum des Landeskanuverbandes Bremen im Jahr 2000 nahm Werner Born dann zum Anlass zur Wiederbelebung. Das Goldziel wurde nach Bremen Vegesack vorverlegt, der Veranstaltungrhythmus von jährlich auf zweijährlich geändert und zur 20. Tidenrallye gingen 370 Teilnehmer an den Start. Unter ihnen natürlich auch Werner und Brigitte Born, die bisher bei keiner Rallye gefehlt haben. Bei der 20. kam Werner Born zum einzigen Mal »nur« bis zum Silberziel. Dafür war Henning Scherf verantwortlich. Der damalige Bremer Bürgermeister gehörte zu den teilnehmenden Paddlern. Um seinen anschließenden Termin aber noch pünktlich erreichen zu können, mussten Scherf und »sein Fahrer« Born in Berne aus den Booten ins Auto umsteigen.

Gold oder Silber? Wo ist hier das Ziel?

Paddeln bis die Arme schmerzen.
Foto: Ronald Schnor

 

Autos sind gerade keine zu sehen. Aber ich betrachte die netten Sandstrände rechts am Ufer immer genauer. Vielleicht sollte ich statt dem stumpfen Kilometer abspulen dort einfach mal anlanden, um Strand und Sonne zu genießen? Zahlreiche Menschen machen es vor, mit Drachen steigen lassen und Picknick am Strand: nach 27 Kilometern kann ich der Versuchung nicht mehr widerstehen. Ich steuere den Elsflether Sand an, sitze im warmen Sand, trinke, essen und vergegenwärtige mir bei einem Blick auf die am Start erhaltene Karte, dass ich noch 17 Kilometer vor mir habe.

 

Das ist völlig in Ordnung. Ich empfand ich das Sitzen im Boot bisher nicht als unangenehm, habe keine Blasen an den Händen oder Schmerzen in den Armen. Gartenarbeit mit fleißigem Schaufeleinsatz und Schubkarre fahren scheint paddelrelevante Muskelpartie auch prima zu trainieren. Also weiter. Am gegenüber liegenden Ufer ragt in Farge der ehemalige U-Boot-Bunker »Valentin« als Mahnmal gegen den Faschismus bedrohlich in den Himmel. Bei Farge »knickt« die Unterweser in ihrem Verlauf außerdem immer stärker nach Osten. Somit kommt der Wind, der noch immer mit vier Windstärken weht, für den Rest der Strecke von vorne. So wird das heute wohl nichts mehr mit Höchstgeschwindigkeiten. »Wer nach drei Stunden nicht am Silberziel ist, sollte das Goldziel lieber abschreiben«, hat mir Norbert Köhler vor dem Start noch verraten. Ich fand die Option, nach 33 Kilometern einfach beim Kanu-Club Rönnebeck auszusteigen, beruhigend. Den Herren Kanu-Redakteuren könnte ich den frühen Feierabend damit rechtfertigen, dass ich mir Rönnebeck genauer anschauen musste, weil dort erstmals das Silberziel war.

Endstation Silberziel?

 

Um 16.45 Uhr fragen mich zwei DLRG-Mitglieder von ihrem Motorboot aus, ob ich zum Silberziel möchte. Die Schar bunter Kajaks wird nämlich von Motorbooten der Wasserschutz-Polizei, der DLRG und des Bremer Motor-Yacht-Clubs eskortiert. Ein Rennboot mit abgerissenem Süllrand musste bereits geborgen werden. Andere Zwischenfälle bekamen die Besatzungen selbst in den Griff. Ein Auslegerkanu, OC6, wollte nach gut zweieinhalb Stunden beim Kanu-Cub Rönnebeck zum Zwischenstopp anlegen. Dabei blieb das Boot aus Bremerhaven beim rasanten Wendemanöver an einer Boje hängen, verrät Olaf Knoke später der Presse. Mit einem Eimer wurde das Kanu wieder leer geschöpft, um nach den restlichen elf Kilometern TURA Bremen als drittes Boot zu erreichen.

 

 

Nach 17 Uhr und es geht weiter

 

Ich will auch zum Goldziel. Also entscheide ich mich um 17 Uhr entgegen Norbert Köhlers Rat fürs Weiterpaddeln.Einige andere haben sich ebenfalls zum Weiterpaddeln entschieden. In Lemwerder liegen einige Kriegsschiffe der Bundesmarine vor der Lürssen-Werf. Unsere Boote wirken dagegen wie Spielzeug. Spundwände an beiden Ufern sorgen hier für ordentlich Bewegung. Da zahlreiche Motorbootkapitäne den sonnigen Samstagnachmittag dazu nutzen, schnelle Kreise auf der Weser zu drehen, wandern und reflektieren ständig Wellen aus allen Richtungen und lassen die bunten Kajaks munter schaukeln.


Schlagartig ruhiger wird es dann auf der Lesum. Bei Weser-Kilometer 17,5 biege ich in deren Mündung ein, an der das Segelschulschiff Deutschland, ein stattlicher Dreimaster, vertäut liegt. Die letzten fünf Kilometer bis zum Ziel bieten auf der schmalen Lesum Ruhe, wunderschöne grüne Ufer und die Gewissheit, dass ich vor der »Schließung« des Zieles bei TURA sein werde. »Ah, noch ein Leidensgenosse«, ruft mir plötzlich ein anderer Paddler zu, der von hinten im schnittigen hellen Seekajak angerauscht kommt. Er erkundigt sich wie weit es noch ist. »Einen Kilometer«, antworte ich worauf er sehr zufrieden schaut und noch mal richtig rein haut.

 

Goldziel erreicht

Mit Medaille behängt: Autor Stefan Schorr.
Foto: Stefan Schorr

 

18.50 Uhr. Ich lege am Steg der TURA Bremen an. Nur Minuten später tuckert Erhard Köhler mit seinem Besenboot am Anlegesteg vorbei. Ihm folgen nur noch Paddler, die auf eigene Verantwortung nachkommen. Wirklich ruhmreich war meine erste Teilnahme an einer Weser-Tidenrallye nicht, wobei ich zumindest zu den rund zwei Dritteln der Teilnehmer gehöre, die bis zum Goldziel gekommen sind. Ein Drittel ist am Silberziel ausgestiegen und einige haben die Fahrt ganz abgebrochen. Außerdem komme ich am Anlegesteg der TURA ohne peinliche Badeeinlagen aus dem Boot, bevor ich meine Urkunde in Empfang nehme und mir meine Medaille feierlich umhängen lasse. Das ist ja auch schon mal was.

Infos zur Weser-Tidenrally

Weser-Thidenrally

 

 

Tidenrallye

 

Am 15. Mai 2010 wird die nächste Tidenrallye stattfinden. Auch zum 25. Jubiläum wird es am Vortag der Rallye wieder eine Fahrt von Nordenham nach Brake mit gemeinsamen Fischessen geben. Die »Vorfahrt« wird erneut für Teilnehmer gedacht sein, die auf eigenem Kiel bereits ab Mittwochnachmittag in zwei Etappen nach Nordenham anreisen wollen. Außerdem werden namhafte Kanuausrüster an Ständen ihr Material präsentieren und ein umfangreiches Rahmenprogramm ist auch zu erwarten.

 

Ausrüstung

 

Salzwassertaugliche See- oder Tourenkajaks, alternativ Faltboote. Komplette Sicherheitsausrüstung und Erfahrung mit dem Paddeln auf Gezeitengewässern.

 

Teilnahmebedingungen

 

Das Organisationsteam gibt einige Regeln zur Sicherheit vor. Jeder Teilnehmer muss schwimmen können. Jeder Alleinfahrer muss mindestens 14 Jahre alt sein. Es sollten Rettungswesten getragen werden (was jedoch nur wenig beachtet wird). Den Anweisungen der Begleitboote ist folge zu leisten.

 

Sonstiges

 

Auf dem Zeltplatz des WSV Nordenham ist reichlich Platz für Zelte und Wohnmobile oder Wohnwagen. Alternativ ist nach vorheriger Absprache das Zelten bei TURA Bremen oder KC Rönnebeck möglich.

 

 

Weitere Informationen


Zusätzliche Informationen und Links

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