Ötztal statt Brandy, staubtrockenes Karwendel, eisfreie Lechschluchten im April – dieses Frühjahr muss der Kanukalender neu geschrieben werden. Ein außergewöhnlich niederschlagsarmer Winter stellt die Verhältnisse in den Nordalpen auf den Kopf. Die KANU-Redaktion hat sich umgehört, wo man zur Zeit am besten seinen Creeker ablädt.
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Saison-Update: Lechschluchten und Ötztal
Seit einer Woche haben Kaiserwetter und Temperaturen jenseits der Zwanzig-Grad-Marke die Herrschaft übernommen. Es fühlt sich an wie Juni, der Kalender zeigt jedoch Anfang April. Wen hält es da noch auf dem Stuhl, alle Mann auf's Wasser! Gewöhnlich ist bei diesen Wetterverhältnissen Hochsaison in den nördlichen Voralpen. Isar, Iller und Lech tragen das Schmelzwasser in die bayerisch-schwäbischen Schotterebenen, flüssiger Schnee tost durch die Klammen zwischen Allgäu und Salzkammergut. Doch wenige Radminuten von der Redaktion herrscht Gewissheit: Es schmilzt so gut wie nichts. Der Lech in Augsburg führt nahezu winterliches NIedrigwasser, die Locals sind schon froh, dass der Eiskanal läuft. Der Pegelcheck an Brandenberger Ache und Rißbach bestätigt schnell: Die Schmelze fällt dieses Jahr flach. Schon im Januar hatte eine Warmluftperiode des Paddlers weißes Gold von den Hängen gewaschen.
Doch kein Grund zu verzagen, einfach mal eine Ecke weiterdenken und vor allem Pegel checken, an die man sonst um diese Jahreszeit gar nicht denkt. Zum Beispiel den Lechpegel in Steeg. Ein gleichmäßiger Tagesgang lässt die Kurve zwischen 2,75 m und 2,95 m pendeln. Was in der unteren Lechschlucht immerhin zwischen 15 und 25 Kubik bedeutet. Und hier hat die Schneearmut auch ihr Gutes: Der sorgfältige Check von der Hangkante bestätigt, dass keine Lawinenreste die Befahrung vereiteln. Mindestens zwei Gruppen haben sich letztes Wochenende in die Schluchten gewagt und bei Idealpegel die Lechsaison eröffnet.
Julian Mihé begab sich gemeinsam mit den Motz Brothers für zwei Tage zum Warm-Up ins Tessin um auf dem Rückweg an den Lechschluchten vorbeizuschauen. Aufgewachsen in Lindau gehören Michi, Stefan und Thomas Motz wohl zu den Menschen, mit den meisten Lechtagen im Paddler-Curriculum. Sie wissen genau, welche Ecken kritisch sind wegen der oft bis spät ins Jahr vorhandenen Lawinen und wo sich mit Vorliebe Treibholz zu gefährlichen Sperren türmt. Laut Thomas Motz ist nicht nur aller Schnee aus dem Bachbett, auch Holzversperrungen beschränken sich auf wenige Stellen. Die 2,80 m vom vergangenen Sonntag bedeuten einen schönen Mittelwasserstand für die obere Schlucht bis Warth, in den deutlich längeren Klammen des unteren Teils ist dieser Pegel für eine Erstfahrt schon recht hoch.
Ebenfalls am Lech waren am Samstag Ben Jung und Dominik Vogt aus dem Badischen. Bereits am Freitagmittag waren sie ins Tal gefahren um etwaige Lawinen zu scouten. Gerade als sie überlegten, ob wohl noch genug Zeit wäre für einen schnellen Run, gesellte sich ein weiterer Herr zu dem Duo, der sich als Paddler zu erkennen gab. Mit warmen Worten (»Vor 20 jahren bin ich hier auch öfter gefahren. Spannende Sache, Jungs. Wisst ihr, wir sind früher immer den Bschlabsbach gepaddelt, weiter unten im Tal.«) empfahl er den beiden einen auch als Streinbach bekannten Nebenbach des Lechs. Also los, nichts wie runter nach Ellmau. Dort mündet der Bschlabser Bach durch eine eindrucksvolle, aber nur mäßig schwere Klamm ins weite Schotterbett des Lechtals. Ein Flussführer war gerade nicht zur Hand, der nette Paddler hatte den Bschlabsbach-Novizen aber gleich eine eindeutige (?) Wegbeschreibung mitgegeben: Mit dem Auto das Tal hinauf bis Bschlabs, dort von der Kirche runter zum Bach. Es sei mit Wildwasser III-IV zu rechnen. Beim Abladen der Boote inmitten des malerischen Bergdorfs bestätigt ein Bewohner: »Ja, hier geht's runter zum Bach. Aber seid vorsichtig, gleich am Anfang kommt eine Klamm. Das könnte 'zaach' werden.«
Schnell dämmerte es den Zweien, dass hier keine hundertprozentige Deckungsgleichheit herrscht. Also packte Ben, alpinerfahren durch seine jahrelange Tätigkeit als Raft- und Canyoning-Guide, das Klettergeschirr ins Boot. Eine weise Entscheidung wie sich nach nur kurzer Zeit herausstellen sollte. Kaum waren die Boote der zwei Badener aus dem Kehrwasser geschlungen, verengten Felswände die schmale Talsohle. Es wurde enger und enger, die Kehrwässer kleiner und seltener. Das obligatorische Scouten zeigte rasch das Ausmaß der Herausforderung, vor denen jeder steht, der sich für den oberen Einstieg im Örtchen Bschlabs entscheidet. Eine kaum bootsbreite Klamm wand sich über steckgefährliche Stufen, der Platz zum Umtragen war nur mit viel klettertechnischer Fantasie auszumachen. Jetzt zeigte sich, wer seine Hausaufgaben bzw. Seilspiele gemacht hat. Mit Seil, Rollen und einer Menge Karabinern wurde eine Seilbrücke installiert, mittels deren die Kajaks über den gefährliche Schlitz gehievt wurden. Laut Dominik, könnte die Klammpassage bei mehr Wasser eventuell fahrbar werden. Dann wird ein Umtragen aber zur absoluten »Mission Impossible«. Auch eine Portage am Klammrand ist ob der Ausgesetztheit nicht möglich. Halt ein echter Lechtal-Seitenbachklassiker à la Namloser oder Ottersbach. Nachdem die Klamm überwunden war, folgten tatsächlich schöne Blockpassagen im weiterhin schmalen Flussbett. Sogar das Wildwasser im dritten Grad stellte sich irgendwann ein.
Für alle, die jetzt eine Befahrung des Streinbachs erwägen: Bei der Wahl des »richtigen« Einstiegs übersteigt der Gebirgsbach tatsächlich nicht den vierten Grad. Die beste Möglichkeit unterhalb der Klamm zum Fluss zu gelangen, erreicht man über den Weiler Sack. Bei der Fahrt von Ellmau weist ein Holzschild den Weg zu den wenigen Häusern der Siedlung, die deutlich talabwärts von Bschlabs liegt. Mit den Autos kann man auf Asphalt bis zu einer Spitzkehre fahren, Parkmöglichkeiten sind dort rar. Man trägt den Weg weiter talabwärts bis der Weg in den Wald führt. Dort kreuzt ein steiler Tobel den Weg, in dem ein fast trockenes Rinnsal zum Streinbach leitet. Diesem Graben zunächst rechtsseitig folgen, später Abstieg mitten im kleinen Bachbett. Ein Wurfsack zum Überbrücken zweier steiler Hangkanten ist sinnvoll. Achtung, der Streimbach sollte nur in Kleingruppen befahren werden. Die Kehrwasser sind – wenn vorhanden – sehr klein. Zahlreiche Baumversperrungen und Lawinenreste gehören zum Paddelspaß dazu. Auch sollte die Situation an der Ausgangsklamm (sehr scharfkantiges Gestein im Flussbett, nicht umtragbar im Fall von Holzversperrungen) und der folgenden Wehrstufe unter der Brücke vor der Fahrt erkundet werden. Wenn das Wasser reicht lohnt eine Weiterfahrt bis zum Lech durch den letzten großen unregulierten Schwemmfächer des Lechtals.
Nach dem Lechtal waren Ben und Dominik noch zu einer Stippvisite im Ötztal. Als auffallendste Veränderung zeigten sich erneut die freigespülten Wehrreste am »Schießstandkatarakt« der Mittleren Ötz. Konnte im letzten Jahr bei ausreichend Wasser noch ganz links über die 3 Meter hohe Stufe gesprungen werden, ist die Sohlschwelle nun noch weiter in sich zusammengebrochen. Eine Befahrung erscheint zumindest bei wenig Wasser sehr klemmgefährlich. Ein Ausflug ins Venter Tal entpuppte sich als wenig lohnend. Die obere Venter ist wie gewöhnlich um diese Zeit von einer Serie von Lawinen blockiert. Auch war der Wasserstand trotz hoher Tagestemperaturen sehr niedrig. Es bleibt zu hoffen, dass zumindest im Ötztal bis weit in den Sommer mit guten Schmelzwasserpegeln zu rechnen ist.




































































