Schwere Hitzegewitter führen zu katastrophalem Starkregen und neuen Gefahrenstellen an Sanna und Co. Die Flüsse im Tiroler Oberland verändern sich dieser Tage oft täglich. Eine Chronik in Wort und Bild vom Pianser Schwall.
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Szene
Muren und Hochwasser um Landeck
Einen Vorgeschmack auf die Unwetter-Katastrophe, die Montagabend über Paznaun- und Stanzer Tal hereinbrechen sollte, konnten Kajakfahrer auf der Sanna schon am Wochenende erleben. Während der Himmel Samstagabend über dem Paddler-Campingplatz in Prutz lediglich grollte, entlud sich die überhitzte Atmosphäre blitzartig und massiv im Einzugsgebiet des Lattenbachs wenige Kilometer nordwestlich von Pians. Kajakfahrer, die Sonntagfrüh bei milchig-trübem Mittelwasser durch die Landecker Schlucht paddelten, bemerkten am Ausstieg das sedimentgesättigte, schokoladenbraune Wasser der Sanna, stellten aber keinen erhöhten Pegel im Vergleich zum Vortag fest. Als der Paddlertross am Zusammenfluss von Rosanna und Trisanna die Boote zur Nachmittags-Paddelei zum Einstieg tragen, verblüfft der Fluss mit glasklarem Wasser.
Lokaler Starkregen mit großer Wirkung
Die Antwort folgt nicht prompt, aber deutlich in Pians. Die Linie durch die Schlüsselstelle des Pianser Schwalls scheint vom Vortag klar, entschlossen paddelt die Gruppe auf die Brücke zu. Doch schon die Anfahrt zur Kurve ist nicht wiederzuerkennen: Das Wasser staut sich fast seenartig zurück. Ein zweiter Blick zeigt einen gewaltigen Sedimentfächer an der Mündung des wie immer fast trockenen Seitenbachs. Der Versuch am linksufrig gelegenen Feuerwehrhaus das Ufer zu betreten, lässt die Beine bis über die Knie im durchtränkten Kies versinken. Schnell wird der Sinn einer Besichtigung vom Ufer aus offenbar: Eine gewaltige Mure im Bachbett des Lattenbachs hat einen mächtigen Geschiebekegel ins Bett der Sanna geschoben und den Fluss an die rechte Ufermauer gepresst. Die Sanna schießt im deutlich eingeengten Flussbett steil hinab, bildet mannshohe unregelmäßige Wellen, bevor der Schwall in zwei schräg versetzten Löchern kulminiert. Die weitere Befahrung führt an zahlreichen blankpolierten Baumstämmen vorbei. Mehrere Hindernisse ragen gefährlich angeströmt in die Strömung.
Verheerende Muren im Paznaun und Stanzer Tal
Montagabend folgt dann der katastrophale Höhepunkt der tagelangen Hitzeperiode. Schwerste Gewitter gehen über dem Stanzer Tal (Rosanna) und dem Paznauntal (Trisanna) nieder. Die Wasserstandskurve an den Pegeln von Trisanna und Sanna springen innerhalb kürzester Zeit um einen Meter nach oben. Doch das ist nur die eine, harmlosere Seite des Starkregens. Die enormen Regenmengen setzen im Einzugsgebiet der Sanna eine Vielzahl teils gewaltiger Muren in Gang. Die Paznauntal-Straße ist auf breiter Länge unpassierbar. Eine Mure, die bis in den Ortskern der Ortschaft Kappl (nahe den Vogelsägstufen der Trisanna) vordringt und dort hohen Sachschaden anrichtet, lässt Erinnerungen an das Lawinen-Unglück von Galtür aufkommen. Dienstagnachmittag ist zumindest der zunächst ebenfalls blockierte Zugang ins Tal über die Silvretta-Straße wieder freigeräumt. Im Stanzer Tal sind die Orte Flirsch und Strengen am stärksten betroffen. In Strengen verschüttet eine Mure die alte Arlberg-Straße, Häuser müssen evakuiert werden, nach Verschütteten wird gesucht. Auch aus dem Bezirk Imst werden schwere Murschäden gemeldet. Hier ist besonders das Pitztal betroffen.
Die Sanna schafft sich Platz
Ein Ortstermin nach den Unwettern am Mittwochmorgen zeigt erneut einen gänzlich veränderten Fluss. Die um ein Vielfaches geschwollene Sanna hat in der Nacht den Sedimentkegel zu Beginn des Schwalls abgeräumt. Das Wasser strömt wieder voller Zug unter Brücke hindurch, die Stahltreppe am Feuerwehrhaus kann mit dem Boot erreicht werden. Die Sanna hat ihre Breite im Pianser Schwall locker verdreifacht und strömt jetzt dicht an der linken Ufermauer entlang. »Eine Befahrung mit Rafts, erscheint uns nun wieder möglich«, befindet der Betreiber des Sport Camp Tirol Andy Murray. »Aber das nächste Gewitter macht sich schon am Horizont bemerkbar.«
Holzauge, sei wachsam!
Die Ereignisse der letzten 72 Stunden zeigen, wie schnell und in welchem Ausmaß sich die Tiroler Wildflüsse ändern können. Für Paddeltouren im westlichen Oberland bedeuten die Unwetter die Notwendigkeit erhöhter Vorsicht auf dem Bach. Während am Sonntag die Wolfschlucht der Rosanna noch hindernisfrei zu befahren war, dürfte sich dieser Zustand mit großer Wahrscheinlichkeit geändert haben. Auch auf Trisanna und Sanna sowie dem Pitzbach sollte vor der Befahrung sorgfältig auf Baumhindernisse und eingeschwemmte Eisenteile inspiziert werden.
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