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Szene

Gesetzesänderung soll Socatal für E-Werke öffnen

25. Juli 2011 von Christoph Scheuermann

Slowenien fürchtet um sein nationales Naturerbe. Die strikte Gesetzgebung, die das obere Socatal seit 1976 vor Wasserkraftwerken schützt, soll zugunsten neuer Energieprojekte ausgehöhlt werden. Innerhalb weniger Tage hat sich der Protest von Bovec und Kobarid in die Hauptstadt ausgeweitet. Nun wird auch die internationale Kanugemeinde aktiv.

Die Soca in Slowenien.
Die dritte Socaklamm würde zwar nicht im Stausee versinken, steht aber exemplarisch für die landschaftliche Einzigartigkeit des Tals.
Foto: Reinhard Friedl

Am 18. Juli begann sich die Botschaft in den Kajaknetzmedien zu verbreiten: »Die Soca, ein neuer Rizzanese?!«. Drei Tage vorher veröffentlichte das slowenische Nachrichtenmagazin Delo.si eine Meldung, die der Auftakt einer nationalen Debatte sein sollte. Das regionale Energieunternehmen Soske elektrarne Nova Gorica (SENG) möchte längst totgeglaubten Kraftwerksplänen neues Leben einhauchen. Dazu soll der seit 35 Jahren bestehende Schutzstatus des betroffenen Gebietes neu geregelt werden. Was nach einer Geschichte klingt, die sich so überall in den Alpen abspielen könnte, sorgt in diesem Fall für größere Aufmerksamkeit. Die Rede ist vom oberen Socatal, einem Ort, wo Naturwunder so dicht gereiht sind, wie kaum woanders. Die Soca gilt auch Weitgereisten als der schönste Fluss Europas. Die aus der Schublade geholten Kraftwerkspläne würden sowohl Nebenflüsse betreffen, wie auch den Flussgott selbst. Werden die Pläne der Kraftwerker Wirklichkeit, würden Teil des »Friedhofs«, »Große Schlucht« und »Abseilstrecke« im Stau einer bis zu 60 Meter hohen Mauer verschwinden. Nebenbei müssten sich auch die Campingplätze in Kobarid einen neuen Standort suchen. Der Vergleich mit dem Kraftwerkstod des Rizzanese, der sich zur Zeit auf Korsika vollzieht, ist deutlich weniger abwegig wie es zunächst klingt.

Die Soca in Slowenien.
Der Ausstieg des »Friedhofs« bei Trnovo. Sollte der Damm bei Kobarid Wirklichkeit werden, könnte man diese Kiesbank nur noch schnorchelnd erkunden.
Foto: Reinhard Friedl

Der Unterschied zum Rizzanese ist: Im Socatal rollen noch keine Bagger, zunächst muss die Energielobby das unliebsame Schutzgesetz aus dem Jahr 1976 wegräumen. Der Rechtssatz aus der Ära Tito stellt das Socatal von der Quelle bis zur Idrija-Mündung bei Most a Soci unter »Kraftwerksschutz«. Die bestehenden Kleinkraftwerke in der Region sind praktisch alle aus der Besatzungszeit der Italiener, also von vor dem Zweiten Weltkrieg. Das Resultat dieser aus Naturschutz- und Paddlersicht löblichen Entwicklung sind kaum verbaute Flüsse, andererseits aber auch ein gigantisches Nutzungspotenzial für die staatseigene Energie-Holding HES. Kenner der Kräfteverhältnisse zwischen den Ministerien werten die neuaufgelegten Pläne der SENG als Testballon, um herauszufinden, welche Opfer das Volk im Rahmen einer schnellen Energiewende zu bringen bereit ist.

Die Pläne der SENG sehen kurzfristig drei eher kleinere Projekte an den nebenflüssen Ucja, Moznica und Kneza vor, deren Bau schon nächstes Jahr beginnen könnte. Für Kajakfahrer ist lediglich die Ucja interessant, die bei Zaga in die Soca mündet. Diese ist seit vielen Jahren für Paddler aber komplett gesperrt. Ein großer Eingriff in die Natur würde das geplante Kleinkraftwerk an der Moznica bedeuten, einem Nebenfluss der Koritnica bei Log pod Mangrtom. Die wunderschönen, versteckt gelegenen Moznica-Klammen sind ein beliebtes Wanderziel. Fünf weitere Dämme sind an Soca und Idrijca im Gespräch, darunter das hohe Sperrwerk im Bereich der Napoleonbrücke sowie ein weiterer Stau bei Kamno (zwischen Kobarid und Tolmin).

Die Soca in Slowenien.
Heute sind Kanusport und Fischerei im Gleichgewicht – dank zeitlichen Beschränkungen und Teilsperrungen. Was bleibt nach dem Kraftwerksbau?
Foto: Reinhard Friedl

Während die erste Woche nach Bekanntwerden der Gesetzesinitiative, die die Verordnung von 1976 im Parlament kippen soll, die Lage in der Öffentlichkeit sehr unübersichtlich war, beginnen sich nun die Fronten zu klären. Der Aufschrei im Tal ist laut und ausdauernd, unisono hält man dort die Abschaffung des Schutzstatus für eine Katastrophe für Tourismus und regionale Identität. Widerstand auf weiter Front organisiert sich, Tourismus- und Umweltverbände laufen Sturm, es wird zu Protestmails an die Regierung aufgerufen. Nicht nur das Tal scheint aufgewacht, der Protest beginnt sich nach Ljubljana, durch das ganze Land zu fressen.

Aktivisten haben die Facebook-Seite »Save Soca River and its tributaries« gegründet. Hier sind Paddler und Fans der Soca aufgerufen, ihre Liebe zum Tal mit Fotos und Kommentaren zu bekunden. Wer aktiv werden möchte, kann außerdem eine Protestmail an das slowenische Wirtschaftsministerium schicken. Die Adresse lautet ez.mg@gov.si.
Das KANU MAGAZIN wird auch weiterhin am Ball bleiben, was die Debatte um den Schutzstatus des Socatals betrifft. Weitere Infos zum Thema gibt's auch in KANU 6/2011.

Einen Hintergrundbericht zur Debatte und ihrer Rezeption im Land hat Rolf Strojec auf den Seiten des Hessischen Bildungswerks veröffentlicht.

 

 

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