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V.I.P. Jochen Schweizer: Ein Leben am Abgrund

24. Februar 2010 von Manuel Arnu

In seiner Heimat Bayern bezeichnet man Kerle wie ihn als »Wilden Hund«! Jochen Schweizer hat Weltrekorde im Bungee-Springen aufgestellt, sich mehr als 1000 Mal am Fallschirm in die Tiefe gestürzt und etwa eine halbe Million Kilometer auf dem Sitz eines Motorrads abgespult. Aber es gibt einen Sport, der ihn bereits ein Leben lang fasziniert – das Kajakfahren.

Jochen Schweizer im Rennkajak.
Jochen Schweizer in seinem alten Mahagoni-Rennkajak.
Foto: Archiv Jochen Schweizer

Was begeistert dich am Paddeln?


Früher war es das extreme Wildwasserpaddeln, der harte Sport, wie beispielsweise die Erstbefahrung des obersten Travo auf Korsika mit Wolfi Geiss und Peter Lintner. In diesen Flussabschnitt musste man die Boote mühsam hineintragen und er beginnt mit einem mächtigen Wasserfall. Heute fasziniert mich am Kajakfahren die Stille und das Naturerlebnis, wenn ich zum Beispiel in Norwegen mit dem Seekajak in der Inselwelt von Soerlandet unterwegs bin.



Das Wildwasserpaddeln scheint der Ursprung für deine Karriere zunächst als Stuntman und später als erfolgreicher Geschäftsmann zu sein. Was löste das extreme Kajakfahren neben rauschhaften Emotionen und hin und wieder schmerzhaften Erfahrungen bei dir aus?


Dieser Sport bietet alles und fordert alles: Den Kameraden, aber auch den Einzelkämpfer, die Stille und die Wildheit, die Gefahr und die Schönheit. Gleichzeitig muss man viele Fertigkeiten entwickeln, nicht nur im Boot. So muss man zum Beispiel die für eine Expedition erforderliche Logistik planen können, sich in eine Gruppe von Individualisten integrieren und das Gefahrenmanagement beherrschen, wenn beispielsweise ein Kamerad in Lebensgefahr ist und blitzschnell entschlossen gehandelt werden muss.

 

In den 80er Jahren hast du zusammen mit Freunden einige bemerkenswerte Kajakfilme gedreht, darunter der noch immer sehenswerte  Streifen »Family Mad«. Aber nach kurzer Zeit war wieder Schluss mit der Filmkarriere. Warum?


Es war eine schöne, abenteuerliche Zeit, aber es sind dann andere Dinge für mich wichtiger geworden. Zum Beispiel die Entwicklung des Bungee-Springens.
 

 

An den Füßen ein Gummiseil und darunter nur gähnende Leere. Dasselbe Gefühl wie an der Abbruchkante eines Wasserfalls?


Nein. Wenn man auf die Abbruchkante eines Wasserfalls zupaddelt, ist das ein sehr aktiver Moment. Meistens gibt man Vollgas und will einen bestimmten Punkt treffen. Der Moment vor dem Bungee-Sprung kann hingegen sehr kontemplativ sein, wenn man ruhig dasteht und über die Fußspitzen in die Tiefe schaut. Dann kommt die Anspannung, der Absprung, die Hingabe. Beim Wasserfall taucht man unten auf und bewältigt entweder noch eine Blockpassage oder paddelt ins nächste Kehrwasser. Aber spätestens dort fühlt man das Gleiche was man fühlt, wenn man nach einem Sprung wieder festen Boden unter den Füßen hat: Freude. Manchmal auch Euphorie und – selten, wenn es knapp war – auch Dankbarkeit, dass es sich wieder einmal ausgegangen ist.

Jochen Schweizer der Wildwasserpaddler.
Heute bringt er seinen Kindern das Paddeln bei.
Foto: Archiv Jochen Schweizer

 

Du hast jahrelang hart trainiert, um in der Randsportart Wildwasserpaddeln zu den Besten zu gehören. Dann bist du für den Bogner-Film »Fire, Ice & Dynamite« an einem 220 Meter langen Bungee-Seil die Verzasca-Staumauer hinunter gesprungen und warst auf einen Schlag für eine breite Masse ein Held. Was hat dich diese Erfahrung gelehrt?


Ich war überrascht. Kajakfahren in seiner extremsten Form ist eine hohe Kunst, die an die Athleten allerhöchste Anforderungen stellt. Sie verlangt hartes Training. An das Bungeeseil hätten wir jeden x-beliebigen binden können, solange er ein bisschen Schneid gehabt und mir vertraut hätte. Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, dass es hinsichtlich der Außenwirkung nicht um die objektive Leistung geht, sondern um das, was der Zuschauer versteht. Und für den war der 150-Meter-Freifall an der Mauer entlang eben einfach der Wahnsinn.
 


Mit Beginn deiner Bungee-Ära war auch der Extrempaddler Jochen Schweizer Geschichte. Konntest du das Paddeln einfach hinter dir lassen?


Es sind andere Dinge in den Vordergrund getreten, aber ich fühle mich immer noch als Kanute. Im letzten Herbst hat Olaf Obsommer auf dem Rosenheimer Kajakfilmfest »Family Mad« gezeigt. Hinter mir saß eine Gruppe junger Paddler, die noch nicht einmal geboren waren, als wir die wilden Sachen gefilmt hatten. Sie waren richtig begeistert. Als sie meinen Namen im Abspann lasen, diskutierten sie, ob das etwa DER Jochen Schweizer sei, der im Film gepaddelt ist. Sie kannten meinen Namen, ohne zu wissen, dass ich einer von ihnen bin. Das hat mich sehr berührt.

Jochen Schweizer paddelt einen Wasserfall.
Beim Wildwasser paddeln suchte er das Abenteuer.
Foto: Archiv Jochen Schweizer

 

Im Rückblick auf deine Kanukarriere: Hattest Du deine sportlichen und persönlichen Ziele erreicht?


Ja, ich habe alles gemacht was ich machen wollte: Wuchtige Flüsse, wie die Mittlere Ötz bei uns oder der Colorado in den USA; technisch anspruchsvolle Bäche wie der Travo auf Korsika oder der San Bernardino im Tessin. Ich habe zeitweise am Bach gelebt, viele einsame Schluchten erkundet und weite Reisen unternommen. Es ist nichts offen geblieben.

 

 

Welche Höhepunkte werden dir immer in Erinnerung bleiben?


Meine erste geglückte Eskimorolle als 15-Jähriger auf der Unteren Ötz, nachdem es mich in einer Walze überschlagen hatte. Keiner hatte es gesehen weil ich als Letzter fuhr. Ich werde das nie vergessen. Damals dachte ich: ab heute schwimmst du nie wieder. Das ist mir in den folgenden 37 Jahren – fast – gelungen.

 

Wie beurteilst du die aktuelle Entwicklung im Extrembereich des Kajaksports. Wasserfälle zwischen 20 und 30 Meter sind Standard bei Topathleten. Der Weltrekord liegt bei unglaublichen 56 Metern!


Es ist erstaunlich, was die Burschen zeigen. Respekt! Aus solchen Höhen wird man unglaublich schnell und schlägt unten mächtig ein – da gehört schon viel Vertrauen in die korrekte Einschätzung des Unterwassers dazu.
 

 

Mal ehrlich, hättest du zu deiner aktiven Zeit eine solche Fortentwicklung für möglich gehalten?


Nein. Allerdings wäre das mit den damaligen Booten auch nicht möglich gewesen. Wir fuhren anfangs noch mit laminierten, vier Meter langen Polyesterbooten und kleiner Sitzluke. Erst als wir kürzere Boote mitentwickelten, wie etwa den Topolino oder Gattino von Eskimo, wurde in Verbindung mit der HTP-Produktion eine Weiterentwicklung angestoßen.

 

Du sagst: »Grenzen gibt’s nicht nur im Kopf. Auch die Natur kann dir ganz schön zu schaffen machen. Beides lässt sich überwinden, wenn du dich überwindest.« Ist es so einfach?


Nein. Das ist nur ein Teil der Wahrheit. Wenn man permanent am Limit paddelt, kann es passieren, dass irgendwann die Natur einen überwindet. Ich bin in einer solchen Situation mit einem zerstörten Knie und einem fast abgerissenen Unterschenkel im Mai 1984 nur sehr knapp davon gekommen. Der Unfall passierte am 24. Mai auf der Sesia bei sehr hohem Wasserstand. In einem wuchtigen Abfall blieb ich unter Wasser senkrecht stecken und hatte einen unglaublichen Wasserdruck im Rücken, der mich mit dem Hintern ins Boot und den Oberkörper nach vorne drückte. Ich saß in einem Canyon 400 mit kleiner Sitzluke. So ein vertikaler Stecker ist eigentlich tödlich, das wusste ich sofort. Und auch, dass mir nicht viel Zeit bleibt. Ich zog mein rechtes Bein an, bekam das Knie aus der Luke, mit dem linken stützte ich mich mit ganzer Kraft gegen das Stemmbrett. Dann rollte ich mich nach vorne aus dem Boot und brach mir dabei das linke Knie gegen die Anatomie frontal durch. Gleiches mit dem rechten Unterschenkel, aber das war gegen das abgerissene Knie nur ein Kratzer. Ich werde nie das peitschenartige reißen aller Bänder vergessen, als das Knie endlich nachgab und ich aus dem Boot kam. Als ich nach Monaten wieder laufen konnte, habe ich lange gebraucht, diese Erfahrung in meinem Kopf zu überwinden.


 
Zurück in den Alltag: Wie oft schaffst Du es neben deiner Arbeit ins Kajak?


Ziemlich oft. Im Sommer mehrmals die Woche. Ich genieße diesen Ausgleich zu meiner Arbeit. Im Kajak verfliegt der Stress und ich werde ruhig.



Früher haben dich Herausforderung, Wettkampf und Adrenalin ins Wildwasserkajak getrieben, heute suchst du Ruhe und Entspannung in deinem 30 Jahre alten Mahagoni-Rennkajak. Ist das der Lauf der Zeit?

 


Vielleicht ja. Ich paddle oft in meinem alten Lancer spät am Abend an der Regattastrecke in Oberschleißheim in Stille und auf spiegelglattem Wasser. Ich fahre ein modernes Wingpaddel. Diese schwingende, ruhige, kraftvolle Bewegung ist wie eine dynamische und intensive Form der Meditation. Der Kopf beruhigt sich, wird frei, und irgendwie ist das ein Gefühl wie nach Hause kommen. Wenn ich mein Boot aufs Wasser lege, einsteige und nach 10 oder 20 Schlägen diese Ruhe einkehrt, dann ist einfach alles gut.

Infokasten Jochen Schweizer:

 

1957 in Heidelberg geboren, zählte in den 80er Jahren zu den bekanntesten Paddlern der WW-Szene. Sein Film »Family Mad«* genießt Kultstatus. Jochen Schweizer drehte mit Willy Bogner Actionfilme und brachte kommerzielles Bungee-Springen nach Deutschland. Heute führt Jochen Schweizer ein Unternehmen mit 300 festangestellten und freiberuflichen Mitarbeitern. Die Jochen-Schweizer-Unternehmensgruppe realisiert weltweit Erlebnisse der besonderen Art. Dazu zählen die über 900 individuellen Erlebnisse auf dem Erlebnisgeschenke-Portal www.jochen-schweizer.de, spektakuläre Inszenierungen und die Entwicklung neuer Erlebnisse. Seine Leidenschaft zum Kajaksport hat sich Jochen Schweizer erhalten.


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