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Szene

V.I.P.: Jenny Bongart & Alex Grimm

07. Februar 2009 von Manuel Arnu

Sieg und Niederlage liegen im Kanuslalom verdammt nah beieinander. Das mussten auch Deutschlands Olympiapaddler 2008 in Peking erfahren. Während Alex Grimm Gold erpaddelte, musste Jenny Bongardt die größte Niederlage ihrer Karriere ein­stecken.

Nach Elisabeth Micheler und Olli Fix ist Grimm der dritte Augsburger Paddler mit Olympiagold.

Olympia liegt mehr als ein halbes Jahr zurück. Wie präsent sind die Ereignisse noch?


Alex: Jeden Tag werde ich an die Olympischen Spiele erinnert. Immer noch gratulieren mir Leute, auch wenn der Sieg schon mehrere Monate zurückliegt.
Jenny: Die letzten Monate war ich so mit meiner Ausbildung beschäftigt, dass ich mich mit dem Thema kaum befassen konnte.

 

 

Die Finalläufe in Peking sollten der Höhepunkt eurer Sportlerkarriere werden. Ihr seid beide mit einem vierten Platz aus der Quali an den Start gegangen, doch dann kam manches anders als gedacht ...


Jenny: Das Finale war für mich persönlich sehr bitter. Eigentlich hatte ich eine optimale Vorbereitung durchlaufen, jedoch am Finaltag war das Glück nicht auf meiner Seite. 100 Strafsekunden ließen meine Träume zerplatzen und ich landete im Endergebnis auf dem 15. Platz.
Alex: Mit dem vierten Platz waren mein Trainer und ich erst mal sehr zufrieden. Ich hatte eine gute psychologische Ausgangsposition und Steigerungspotential, um die unnötigen kleinen Fehler meiner Qualiläufe auszumerzen. Der Kanal in Shunyi ist sehr anspruchsvoll. Ein kleiner Fahrfehler und du verpasst das nächste Tor und handelst dir 50 Strafsekunden ein. Man durfte also nicht zu viel riskieren.

 

 

Alex, du hast dich im letzten Lauf um fast vier Sekunden steigern können. War es der Lauf deines Lebens?


Mein zweiter Lauf war Tagesbestzeit. Da kann man schon voll zufrieden sein. Der Lauf meines Lebens war es aber nicht. Ich musste in der nationalen Qualifikation schon bessere Leistungen hinlegen, um überhaupt in Peking starten zu dürfen

Kanu-Slalom Favoritin Jenny Bongardt.
Favoritin Jennifer Bongart hatte in Peking Pech.

 

Wer dich im Finale beobachtet hat, konnte einen Alexander Grimm sehen, der mit ungewöhnlich ruhigen Schlägen unterwegs war. Was ist die Magie deines Fahrstils?


Mit meinen 90 Kilo Körpergewicht rangiere ich am oberen Ende der Gewichtsskala eines Slalomfahrers. Dazu habe ich noch recht lange Arme, wodurch die Bewegungen träger aussehen. Zwar ist die Beschleunigung aus den Aufwärtstoren heraus langsamer, aber wenn ich dann meine Geschwindigkeit erreicht habe, bin ich wieder mit dem »leichteren« Paddler gleichauf. Die Strecke in Peking war sehr schwer und man musste sehr viel mit dem Wasser arbeiten. Ich habe schon im Training darauf geachtet, dass ich lange Schläge setze, die effizient sind.

 

Spürt man schon während des Rennens, wo man am Ende landet?

 

Jenny: In Peking fühlte ich mich anfangs relativ gut. Aus dem Augenwinkel heraus habe ich dann die ersten angezeigten 50 Strafsekunden des Kampfrichters gesehen, was mich etwas aus dem Konzept gebracht hat. Nach dem zweiten deutlichen Torfehler mit 50 Strafsekunden war es dann endgültig vorbei. Manchmal hat man einfach Pech.
Alex: Ja, man spürt schon während des Laufs, dass man schnell unterwegs ist. Man bekommt dadurch ein Flow-Feeling, dann läuft es fast von alleine. Man darf sich aber nie zu sicher fühlen, sonst passiert schnell ein Fahrfehler. Erst wenn man das letzte Tor durchfahren hat, weiß man, wo man steht. Bis dahin muss man hart kämpfen.

 

 

Athleten werden im Moment des Triumphs gern nach ihrem Befinden gefragt. Kann man seine Gefühle dann überhaupt beschreiben?


Alex: Ich hatte nach meinem Lauf überhaupt keine Zeit, das alles zu realisieren. 20 Minuten später war schon die Siegerehrung und ich bekam die Goldmedaille überreicht. Von da ab ging es von einem Fernsehstudio zum nächsten. Wie sollte ich das Ganze in der kurzen Zeit verarbeiten? Deshalb habe ich in den ersten Nächten kein Auge zubekommen. Erst nach vier, fünf Tagen bin ich erstmals mit dem Gefühl aufgestanden, mein großes Ziel erreicht zu haben. Der ganze Rummel hat sich jetzt gelegt, doch die Zeit in Peking bleibt für mir immer in Erinnerung. Es ist auch Monate später noch ein tolles Gefühl.

Jenny Bongardt im Slalom Kajak.
»Man muss versuchen aus Niederlagen zu lernen.« Jenny Bongart.

 

Jenny, du warst eine der großen Favoritinnen, dann zwei Torfehler im Halbfinale mit 100 Strafsekunden. Gibt es einen größeren Albtraum für einen Athleten?


Natürlich kann es auch wesentlich schlimmer kommen. Manche Athleten haben am Tag ihrer Entscheidung einen schweren Infekt und können gar nicht an den Start gehen. Außerdem musste ich mir die Teilnahme ebenfalls in der nationalen Qualifikation hart erkämpfen. Im Endeffekt bin ich daher froh, überhaupt dabei gewesen zu sein, auch wenn die Enttäuschung über den Rennverlauf noch immer präsent ist.

 

 

Was ist bei deinem Rennen falsch gelaufen?


Der Kanal zählt zu den schwersten der Welt. Erwischt man eine falsche Welle, dann ist man weg vom Fenster. So ist es einigen Topfahrern ergangen.

 

 

Wie hast du deine Enttäuschung verarbeitet?


In letzter Zeit habe ich mich hauptsächlich auf meine Ausbildung bei der Bundespolizei konzentriert.

 

 

Hättest du gerne alles hingeschmissen?


Klar hat man zunächst »die Schnauze voll«. Aber man muss versuchen, aus den Niederlagen zu lernen und den Blick nach vorne zu richten. Dafür brauche ich jetzt einfach Zeit, welche ich mir auch nehme

Alexander Grimm.
»Ich wollte die Chance nutzen, die nur alle vier Jahre kommt.« Alex Grimm.

 

Medien, Öffentlichkeit und Funktionäre erwarten von den Athleten des DKV Medaillen in großer Zahl. Ist der öffentliche Druck eine große Belastung?


Jenny: Ich bin als amtierende Weltmeisterin an den Start gegangen und somit waren die Erwartungen verständlicherweise auch ziemlich hoch. Mit dem öffentlichen Druck konnte ich gut umgehen. Als Alex die erste Goldmedaille für Deutschland holte, machte ich mir jedoch selbst zuviel Druck, ähnliches erreichen zu müssen.
Alex: Es ist schon ein enormer Druck, als einziger Kajakfahrer für Deutschland an den Start zu gehen, aber im Laufe der Jahre habe ich immer besser gelernt, mit solchen Situationen umzugehen. Im Endeffekt kämpft man nur für sich selbst und der eigene Leistungsdruck ist hoch genug. Ich wollte die Chance nutzen, die man nur alle vier Jahre bekommt.

 

 

Habt ihr euch schon vor dem Wettkampf mit einem möglichen Scheitern befasst?


Jenny: Eigentlich nicht. Ich habe mich voll auf mein Training konzentriert. Der Slalomkanal im Shunyi Olympic Parc gilt als eine der schwersten Strecken weltweit und man sah zahlreiche Athleten mit den Tücken und Walzen kämpfen.
Alex: Es waren zwar die besten Fahrer am Start, aber ich habe auch gewusst, dass es eine hohe Ausfallquote geben wird. Ich hatte mehr Respekt vor der Strecke als vor meiner Konkurrenz.

 

Wie hat euch die Strecke gefallen?


Alex: Der Kanal war auch nach den vielen Trainingseinheiten jedes Mal eine große Herausforderung. Durch die vielen Walzen und Wellen wurde man oft von der Ideallinie gedrückt, man musste ständig arbeiten und das erforderte viel Kraft. Der Augsburger Eiskanal ist dagegen eine Sprintstrecke.
Jenny: Ein toller Kanal, jedoch ist das Wildwasser teilweise unberechenbar. Bei anspruchsvollen Torkombinationen wird es ein wenig zum Glücksspiel.

 

 

Wie ist es, vor mehr als 10.000 Zuschauern zu paddeln?


Jenny: Das war schon eine sehr coole Atmosphäre. Es wird langsam Zeit, dass Weltcups und Weltmeisterschaften auch so gut besucht werden.
Alex: Schon vor meinem Lauf bekam ich eine Gänsehaut, als ich die ganzen Zuschauermassen sah. Klar beflügelt das einen, wenn man vom Publikum die Strecke runtergejubelt wird.

 

 

Erlebnis Olympia: Habt ihr auch außerhalb eures Wettkampfs viel mitbekommen?


Jenny: Da ich auch schon 2004 in Athen dabei war, kannte ich schon einige Abläufe beim größten Sportereignis der Welt. Man begegnet vielen bekannten Gesichtern im olympischen Dorf und hat auch die Gelegenheit, Wettkämpfe anderer Sportarten zu besuchen.
Alex: Am 12. August war mein Wettkampf zu Ende und danach hatte ich genügend Zeit, um andere Sportereignisse live mitzuerleben. Die Atmosphäre beim 100-Meter-Finale der Herren hat mir am besten gefallen. Ich saß direkt an der Bahn und sah, wie Usain Bolt den neuen Weltrekord aufstellte. Das Hockeyfinale habe ich mir auch angeschaut.

 

 

Wie fiel euer Empfang in Deutschland aus?


Alex: Es war ein schöner Empfang in Augsburg. Ich wurde von einer Polizei-Eskorte bis zum Rathausplatz begleitet. Dort warteten schon Tausende von Leuten, die mich herzlich mit ihren Jubelrufen empfingen. Ich war echt überwältigt und ziemlich froh darüber, wieder in der Heimat zu sein.
Jenny: Nach einem kurzen Aufenthalt in Augsburg hat gleich meine Ausbildung beim Leistungssportprojekt der Bundespolizei in Cottbus begonnen.

 

 

Alex, hat sich dein Leben als Olympiasieger verändert?


Klar hat es sich verändert. Man lernt viele neue Leute kennen und wird zu vielen Events eingeladen wie Sportpresseball, Aids-Gala, Sportler des Jahres ... Und natürlich hat man auch eine Vorbildfunktion gegenüber dem Slalomnachwuchs

Alexande Grimm im Slalomboot.
»Ich bin bisher noch nie richtig zum Wildwasserfahren gekommen.« Alex Grimm.

Womit verdienen Deutschlands beste Slalom-Kanuten ihr Geld?


Alex: In der Sportfördergruppe der Bundeswehr werde ich finanziell unterstützt und kann meine Sportart als »Vollzeitjob« ausüben. Nur so kann man international Bestleistungen erzielen.  
Jenny: Seit September 2008 bin ich Polizeimeisteranwärterin der Bundespolizei. Zuvor war ich auch Soldatin der Sportfördergruppe in Sonthofen.

 

 

Wie sieht eure Zukunft aus?


Jenny: Mein Hauptaugenmerk liegt neben dem Training sicherlich auf meiner Ausbildung bei der Bundespolizei.
Alex: Ich habe im Oktober mit dem Maschinenbaustudium begonnen. Es ist mir trotzdem noch möglich, meine Sportart auszuüben, um auch weiterhin meine Ziele zu verfolgen. So möchte ich auch 2012 bei Olympia in London wieder dabei sein.

 

 

Jenny, bist du 2012 auch dabei?


Es ist noch eine sehr lange Zeit bis dahin. Aber olympisches Edelmetall war immer mein Traum ...

 

 

Was braucht es, um vier Jahre lang auf einen Tag hinzuarbeiten, dessen Erfolg von einer ungünstig pumpenden Welle zunichte gemacht werden kann?


Alex: Viel Disziplin und Ehrgeiz. An Tagen, an denen es nicht so gut läuft, muss man ziemlich geduldig sein, ansonsten wird man schnell pessimistisch und frustriert. Man hat natürlich Versagensängste, aber die Vorfreude, möglicherweise eine Medaille zu gewinnen, überwiegt.
Jenny: Zum Glück gibt es ja auf dem Weg zu den Olympischen Spielen auch noch andere Möglichkeiten, sein Können unter Beweis zu stellen. Es ist allerdings richtig, dass man, je näher das Ereignis rückt, mit einem Auge immer nach Olympia schielt. Allein schon die Teilnahme ist mit unglaublich viel Arbeit verbunden, welche die Athleten aber bewusst auf sich nehmen, um sich einen Traum zu erfüllen.

 

 

Slalom-Weltmeister Fabian Dörfler zog es nach seinem Karriereende aufs Wildwasser, wo er auch an Extremrennen teilnimmt. Könnt ihr euch das ebenso vorstellen?


Alex: Ja, das könnte ich mir vorstellen. Ich bin bisher noch nie richtig zum Wildwasserfahren gekommen. Irgendwann wird es mich sicher reizen, an solchen Rennen teilzunehmen.
Jenny: Eher nicht, denn ich fühle mich zwischen meinen Slalom-Toren besser aufgehoben.

 

 

Alex, du wolltest nach deinem Sieg ordentlich feiern und die eine oder andere Athletin näher kennenlernen. Erfolg gehabt?


Klar lernt man andere Mädels kennen, wie zum Beispiel die deutschen Handballerinnen. Die können auch ganz ordentlich feiern, aber mehr war da nicht. Die meisten hatten ja noch Wettkämpfe. Ganz so ein »Partydorf«, wie es in den Medien dargestellt wurde, war das olympische Dorf dann auch wieder nicht.

Erfolgsbilanz x Zwei

 

Alex Grimm und Jenny Bongart trainieren seit Jahren am Augsburger Eiskanal. Beiden konnten bereits beeindruckende Erfolge verbuchen.

Alexander Grimm

Der Augsburger Alexander Grimm kann mit seinen 22 Jahren bereits
beeindruckende Erfolge aufweisen: Olympiasieger 2008, Mannschaftsweltmeister 2007, Weltcupsieg in Augsburg 2007, Deutscher Meister Einzel & Team 2007, Weltranglistenzweiter (2006), Juniorenweltmeister (2004).

 

Jennifer Bongart

Jenny Bongardt, 26 Jahre, ging als Favoritin in das olympische
Slalomrennen in Peking. Sie gewann in der vorolympischen Saison
im Jahr 2007 praktisch alle wichtigen Rennen und wurde Doppelweltmeisterin, Weltranglistenerste und Deutsche Meisterin.


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