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Szene

VIP-Interview: Nils Kagel

29. Januar 2004

Obwohl gebürtig und wohnhaft im flachen Hamburg, zählt Nils Kagel zur absoluten Weltspitze, wenn es darum geht, die Grenzen der Fahrbarkeit im Wildwasser auszuloten. Er macht weder vor 20-Meter-Wasserfällen halt, noch fürchtet er sich vor Pegelständen weit oberhalb der Hochwassermarke. Trainiert wird für derlei »Heldentaten« nicht auf den Creeks dieser Welt, sondern in der Luhewalze und auf der heimischen Alster im Abfahrtsboot. Paddlerisch ein erklärter Tiefflieger, promoviert der 31-jährige Deathmetal-Fan momentan über den »Wandel des ländlichen Wohnens und Wirtschaftens im 19. Jahrhundert«.

Warum Paddler geworden?

Nachdem ich sechs Jahre lang in einem Schwimmverein meine Bahnen gezogen hatte, wurde es mir irgendwann zu langweilig und ich suchte mir einen Sport, in dem ich wirklich vorankam.

 

 

Seit wann im Boot?

1985.

 

 

Erstes Kanu?

Ein Hammer Wertach (behäbiger Binsenkreuzer).

 

 

Lieblingsboot (bis heute)?

Pyranha Micro 240 (schnell, spurtreu und meine Lebensversicherung).

 

 

Lieblingspaddel?

Das Sidekick von Werner.

 

 

Bestes je besessenes Zubehörteil?

Mein Grateful-Heads-Helm, Modell »Bomber« (zwar nicht unbedingt politisch korrekt, aber sehr stabil).

 

 

 

Zubehör-Flop?

Eine Spritzdecke aus osteuropäischer Produktion, die mir immer dann aufsprang, wenn ich es mir am wenigsten wünschte.

 

 

Zubehör, das dringend mal erfunden werden sollte?

Eine Sitzanlage mit Stoßdämpfung für meinen geplagten Rücken.

 

 

Bestes Paddlerauto?

Ein zweckmäßig ausgebauter VW T4.

 

 

Paddel-Idol?

Die Foamboater vom Team Painkillerz.

 

 

Bester Paddler, mit dem du je gefahren bist?

Aufgrund der Tatsache, dass ich mit vielen wirklich guten Paddlern unterwegs gewesen bin, kann ich mich nicht für einen entscheiden.

 

 

Bester Paddler überhaupt?

Derjenige, der sich am besten vermarkten kann (oder verwechsle ich da jetzt etwas?). 

 

 

Schönste Tour aller Zeiten?

 An einem Ostersonntag bei Sonnenschein und 40 Kubik durch den Grand Canyon du Verdon.

 

 

Sonderbarste Tour?

Bei der letzten Sonnenfinsternis auf der Friedhofstrecke der Soca – sehr unheimlich.

 

 

Traumtour?

Keine Frage, der Grand Canyon des Colorado.

 

 

Dein Lieblingspaddelbuch?

Herbert Rittlingers »Das bald verlorene Paradies« für die Nostalgie. William Nealys »Lustige Kajakschule« für die Unterhaltung und Hans Matz´ »Österreichs schönste Wasserfälle« für die Inspiration.

 

 

Lieblingspaddelfilm?

Twitch 2000.

 

 

Wo liegen deiner Meinung nach die Probleme des Paddelns?

Ich sehe es als problematisch an, dass hierzulande durch die zunehmende Ausdifferenzierung des Sports ein bestimmter Typ von »Szenepaddler« entstanden ist, der die von ihm ausgeübte Disziplin für die einzig wahre Form der Selbstverwirklichung hält. Individualität ist im Grunde nichts Schlechtes, sie darf jedoch nicht dazu führen, dass die Funktion des Kanusports als verbindendes Element zwischen Menschen mit unterschiedlicher Lebensweise und Lebensphilosophie in Vergessenheit gerät.

 

 

Was sollte sich ändern?

Ich bin der Meinung, dass im Kanusport wieder mehr kollektiv gedacht werden sollte. Nur wer über den Tellerrand seines »Spezialgebietes«, sei es nun Rodeo, Rennsport oder Seekajak, hinausblickt, ist in der Lage, die vielfältigen Möglichkeiten des Naturerlebens mit dem Kajak oder Kanadier kennen und schätzen zu lernen. Wichtig ist, dass wir uns eine gemeinsame Identität als Paddler bewahren. Allein auf diese Weise können wir unsere Interessen gegenüber dem Rest der Gesellschaft wirksam artikulieren und durchsetzen.    

 

 

Die größte Innovation der letzten Jahre im Kanusport?

Die ist, auch wenn es abgedroschen klingt, die Einführung des Knickspants im Wildwasserbootsbau.

Niels Kagel paddelt in der Prosegg-Klamm.
Der Extrempaddler orientiert sich kaum am DKV-Führer. Einzig bei Passagen, die mit einem X markiert sind, wird er hellhörig. So wie bei der Osttiroler Prosegg-Klamm.

 

 

Was bringt die Zukunft?

Voraussichtlich wird es eine weitere Leistungssteigerung im Wildwasserbereich geben. Die Paddeleliten werden sich dabei immer weiter von den Durchschnittsfahrern entfernen. Die Leistungsdichte an der Spitze wird zunehmen und die Jagd nach den letzten Rekorden bis an die Grenzen des Machbaren ausgedehnt (Wer freewheelt als erster über die Niagarafälle?). 

 

 

Close calls?

Ehrlich gesagt habe ich bereits mehr Grenzerfahrungen im Verlauf meiner Paddlerkarriere gemacht, als mir lieb ist. Besonders gut kann ich mich daran erinnern, wie ich 1994 im Boot sitzend durch einen Siphon auf dem obersten Cannobino gesogen wurde – wobei ich nur dank meines Topos nicht stecken geblieben bin. Seitdem bin ich ein Verfechter der stumpfen Enden und des großen Volumens auf alpinen Bächen. 

 

Paddler geblieben, weil ...

Wasser mein Lieblingselement ist und man seine Faszination vom Boot aus am besten erfahren kann.

 

Allein unterwegs?

Generell paddele ich lieber in der Gruppe, weil ich mich dort sicherer fühle und das Gemeinschaftserlebnis schätze. Ich bin allerdings relativ häufig allein auf Wildwasser unterwegs, was daran liegt, dass ich auf eine Befahrung nur ungern verzichte, wenn lediglich ein geeigneter Mitpaddler fehlt.  

 

Pioniertaten?

Obwohl einige extreme Befahrungen auf mein Konto gehen, denke ich nicht, dass ich für den Paddelsport wirklich Essenzielles geleistet habe.

 

 

Außer paddeln?

Im Winter laufe ich recht viel. Im Sommer klettere ich ein wenig und setze mich gelegentlich aufs Mountainbike. Sport ist jedoch nicht alles in meinem Leben. Ohne den geistigen Ausgleich im Beruf wäre ich nicht glücklich.

 

 

Hast du gar keine Angst?

Natürlich habe ich Angst. Ich schalte sie jedoch nicht, wie manche meiner Mitpaddler meinen, ab, sondern versuche lediglich, sie zu kontrollieren. Sicherlich bewahrt mich dieses Verhalten nicht vor Fehlentscheidungen, aber es gibt mir die Möglichkeit, mein rationales Denken zu schulen und mentale Stärke zu entwickeln. Ich bin kein purer Adrenalinjunkie, sondern jemand, der permanent auf der Suche nach sich selber ist und dabei immer wieder neue spannende Entdeckungen macht. 


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