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Szene

V.I.P.-Interview mit Thomas Kettler

15. April 2010 von Stefan Schorr

Vom Polizeibeamten über den Fernreisenden zum Studiofotograf – eine rasante Entwicklung? Nun, Thomas Kettler wurde außerdem Paddler, Verleger anspruchsvoller Flussführer und gründete – um der Langeweile keine Chance zu geben – eine Bildagentur für Outdoorfotos.

Thomas Kettler im V.I.P.-Interview.
Foto: Stefan Schorr, Carola Hillmann

 

Wie kommt ein Studiofotograf auf die Idee, Flussführer zu schreiben?

Bei einer meiner Schwedenreisen kam der Wunsch auf, dort zu paddeln. Als ich dann später mit dem eigenen Boot dort war, gab es keinen Flussführer, der mir gefiel. Da es meiner Partnerin Carola Hillmann (eine Illustratorin) genauso ging, beschlossen wir, selbst ein Buch zu machen.

 

Das dann allerdings kein Verlag haben wollte?

Wir haben gar keinem Verlag gesucht. Wenn schon, wollten wir so ein Projekt von Anfang bis Ende selbst realisieren. Andere pflanzen einen Baum oder bauen ein Haus. Wir wollten ein Buch machen. Also besuchten wir erst mal den »Crashkurs Buchverlag« der Deutschen Buchhändlerschule in Frankfurt. Die Infos, die wir dort bekamen, waren sehr umfangreich, aber auch etwas abschreckend. Sie untermauerten jedoch unsere Vermutung, dass das »Bücher-Machen« totalen Spaß machen würde und ebenso spannend sei wie das eigentliche Paddeln der Touren.

 

Und schwuppdiwupp habt ihr für euren Schwedenführer einen Verlag gegründet?

Als wir den Thomas Kettler Verlag gründeten, war uns schon klar, dass wir uns die ganze Arbeit nicht nur für ein einziges Buch machen würden. Also schrieben wir selbst den »Kanu Kompass Südschweden« (1999), den »Kanu Kompass Deutschland Ost« (2000 ) und den »Kanu Kompass Südfinnland« (2001). Dann kamen auch andere Autoren mit ins Boot. Anfangs machten wir in der Verlagsarbeit eine Menge Fehler und auch heute noch lernen wir ständig dazu. Das ist ja das Schöne daran.

 

Worin unterscheiden sich die Kettler-Paddelführer von anderen?

Als Vorbild sehe ich Wanderführer wie »Antipasti und alte Wege« aus dem Schweizer Rotpunkt Verlag. Ich will dem Leser wesentlich mehr bieten als nur die paddelrelevanten Details, ohne ihn jedoch mit Infos zu erschlagen. Ich selbst kann nicht an einem Ort vorbeipaddeln, ohne herauszufinden, was es dort gibt. Flüsse waren seit jeher wichtige Handelswege, an denen die Menschen siedelten. Daher haben selbst kleine Dörfer oft eine spannende Geschichte. Davon soll auch erzählt werden.

 

Euer typischer Leser ist ...

... auf jeden Fall neugierig. Er hat auch andere Interessen als nur das Paddeln und ist kein reiner »Kilometerfresser«. Wir versuchen, die 20-Jährigen, die das Naturerlebnis suchen und sich abends am Lagerfeuer eine Tütensuppe gönnen, ebenso anzusprechen, wie den 60-Jährigen, der sich für Kultur interessiert und nach einem Paddeltag fein essen und in einem gemütlichen Bett schlafen möchte. Außerdem wollen wir durch allgemeine Infos zum Paddeln auch Neulingen und Familien die Scheu nehmen, selbst ins Boot zu steigen. Unsere Leser sollen durch das relativ große Format und die aufwändige Gestaltung Lust bekommen, sich mit dem Buch auf den nächsten Urlaub einzustimmen.

 

Wie sieht das Verlagsprogramm heute aus?

Es besteht aus den Reihen »Kanu Kompass«, »Outdoor Kompass« und »Kanu Spezial« mit insgesamt 15 Titeln. Beim »Outdoor Kompass« werden neben Paddel- auch Wander-, Rad- und auch mal Wintertouren vorgestellt. Die vier »Kanu Spezial«-Titel sind Erlebnisberichte von längeren Touren.

 

Was erwartet uns als nächstes?

Im Frühjahr erscheinen unsere neuen Bücher »Kanu Kompass Bayern/Baden-Württemberg« und »Outdoor Kompass Südschweden«, außerdem erweiterte Neuauflagen von »Kanu Kompass Deutschland Nordwest« und »Outdoor Kompass Südnorwegen«. Im Herbst folgt dann die Neuauflage von »Kanu Kompass Deutschland Mitte«. In den nächsten Jahren werden wir den Fokus stärker auf Deutschland legen, denn der Trend zum Reisen im eigenen Land nimmt deutlich zu.

 

Brauchen Paddler überhaupt noch Infos in Buchform?

Ein klares Ja. Gibt es etwas Schöneres, als mit einem interessanten Reiseführer und einem guten Glas Wein die nächste Tour zu planen? Die Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Ich denke nicht nur für mich können die Haptik und der Geruch eines Buches nie durch elektronische Informationen ersetzt werden. Natürlich haben wir keine Berührungsängste, was neue Wege angeht. Wir würden ein E-Book aber als Ergänzung zum gedruckten Buch sehen.

 

Die Schwedenführer fand er nicht gut, also schrieb er kurzerhand einen eigenen.
Foto: Stefan Schorr, Carola Hillmann

Wie viel Arbeit steckt in einem Flussführer?

Viel mehr, als sich das der gemeine Paddler so vorstellt. Im Vorfeld trägt man alle verfügbaren Informationen zusammen und liest sich in das Thema ein. Ohne das Internet geht da natürlich gar nichts mehr. Schön ist es, wenn man dabei zu den Touren schon einen »Aufhänger« findet, etwas, was den vorzustellenden Fluss einzigartig macht. Sei es ein geschichtlicher Bezug, etwa die Flößerei in früheren Zeiten, oder etwas Besonderes in Flora und Fauna. Um diese Besonderheit baut man die Tourenbeschreibung auf. Vor dem Schreiben steht natürlich das Abpaddeln der Strecken mit Fotografieren und Notizen machen. Bei bis zu 1200 Kilometern pro Paddelführer ganz schön viel Arbeit. Im Herbst folgt weitere Recherche per Telefon. Teilweise werden Touren noch mal mit dem Auto abgefahren, um fehlende Fotos nachzuschießen, Stadtrundgänge zu absolvieren, etc. Bis zum frühen Winter werden die Texte geschrieben, damit das Lektorat bis zum Jahresende korrigieren kann. Dann fließt der Text ins fertige Layout. Parallel erfolgen Bildauswahl, Bildbearbeitung und die Erstellung der Bildunterschriften. Vor dem Druck wird abermals Korrektur gelesen. Last but not least – das Marketing und der Vertrieb. Denn was nützt der schönste Paddelführer, wenn er nicht zum Käufer findet?

 

Werden Autoren bei euch reich?

Klar, wenn wir es schaffen, die Erstauflage von rund 3000 Exemplaren in wenigen Monaten zu verkaufen ;-) Genauer gesagt ist der Beruf des Flussführer-Autors genauso wie der des Verlegers geprägt von Selbstausbeutung und hoher Leidensfähigkeit. Wenn man zu beidem bereit ist, hat man den richtigen Beruf gefunden. Man braucht als Autor mindestens 10 bis 15 gut laufende Bücher, um davon leben zu können.

 

Stichwort Wirtschaftskrise. Wie beeinflusst diese Paddlers Freizeitverhalten?

Weniger als das derjenigen, die bislang noch nicht so sehr an Aktiv-Urlaub gedacht hatten. Man könnte sagen, dass durch die Wirtschaftskrise eine Art Wertewandel stattgefunden hat. Aktivurlaub liegt voll im Trend, da Erholung allein vielen nicht mehr ausreicht. Gesucht wird das Erlebnis von Selbsterfahrung und Naturverbundenheit. Die bedeutendsten Trends sind daher naturverbundene, kürzere Reisen – davon aber bitte mehr. Dass dabei der Energieverbrauch, die Umweltbelastung und der persönliche Reisestress überproportional hoch sind, steht auf einem anderen Blatt. Für Paddler könnten es statt einer langen Tour vielleicht mehrere kleine Touren auf dem Hausbach werden. Die Chance der Krise ist die Erkenntnis, dass das Abenteuer vor der Haustür beginnt.

 

Die Studiofotografie sichert dein Haupteinkommen?

Ja, im eigenen 300 qm großen Studio mache ich Fotos von Wein, Food, technischen Geräten, aber auch immer wieder von den Produkten großer Outdoor-Hersteller und -Versender. Die Verlagsarbeit füllt meist meine kompletten Wochenenden. Und damit es mir (»dem Workaholic«, ruft Partnerin Carola aus dem Hintergrund) nicht langweilig wird, betreiben wir seit 2007 noch die Bildagentur Outdoor-Archiv (www.outdoor-archiv.de). Dort bieten wir online rund 40.000 Outdoor-Motive von derzeit 60 Fotografen an – Tendenz steigend. Für uns eine tolle Möglichkeit, die guten Bilder zu vermarkten, die uns angeboten wurden, aber nicht in die laufenden Buchprojekte passten.

 

Du sprichst oft von »wir«. Wie groß ist das Verlagsteam?

Meine Partnerin Carola ist für die Organisation zuständig und illustriert weiterhin die Bücher, die Kommunikationsdesignerin Melanie Walter gestaltet sie und ich übernehme Konzeption und Marketing. Unterstützt werden wir drei von freien Mitarbeitern.

 

Kommst du noch selbst zum Paddeln?

Während »normaler« Arbeitswochen kaum. Ich gönne mir aber gerne mal ein verlängertes Wochenenden als »kleine Flucht«. Dabei recherchiere ich dann meist auch für unsere Bücher oder mache aktuellere Fotos.

 

Mit welchem Boot ist der Autor Kettler unterwegs?

Mit dem Nova Craft Prospector 16, wenn eine Person mitpaddelt, und dem 17we bei »Männertouren« zu dritt. Außerdem mag ich meinen Ally-Faltkanadier sehr gerne, bin aber häufig zu faul, den aufzubauen. Meinen selten genutzten Dagger Passage werde ich wohl verkaufen. Das lange asymmetrische Boot ist für Solo-Touren weniger geeignet und Touren mit Kind und Kegel gehören der Vergangenheit an.

 

Warum Kanadier statt Kajak?

Weil das Paddeln eines Kanadiers eine tolle Form des Reisens ist. Das Packen sowie Ein- und Aussteigen ist einfacher als im Kajak, ich kann mich auch mal hinknien oder mich sogar im Boot hinstellen. Ich bin überzeugter Kanadier-Paddler.

 

Wenn du mal einen Führer ganz ohne Kosten-Nutzen-Rechnung machen dürftest, welche Region würdest du beschreiben?

Da mein Herz schon immer für Skandinavien schlägt, würde ich unseren Kanu Kompass Südfinnland noch mal neu auflegen. Auch wenn ich vermute, dass dieser sich nicht sonderlich gut verkaufen würde. Viele Paddler haben Vorurteile wie verregnete Sommer, Moskitos ohne Ende, teuer, schwer erreichbar. Alles leicht zu widerlegen, aber Vorurteile halten sich eben hartnäckig. Auch Schwedisch- und Finnisch-Lappland oder Russisch-Karelien würden mich reizen.

 

Was außer Paddeln?

Lesen, joggen, wandern, guter Wein, kochen, Gartenarbeit. Und – auch wenn sich das vielleicht doof anhört – meine Jobs. Ich freue mich auf einen Montag genauso wie auf einen Freitag. Eigentlich ist das Bücher-Machen tatsächlich mein schönstes Hobby.

 

Zur Person

Erst kündigte er seine Stelle als Polizeibeamter und nun ist er Besitzer eins 300 qm Fotostudio in Hamburg.
Foto: Stefan Schorr, Carola Hillmann

 

Thomas Kettler wurde 1958 in Darmstadt geboren. 1979 kündigte er seine Stelle als Polizeibeamter und reiste durch die Welt. Einen längeren Aufenthalt auf La Gomera etwa finanzierte er durch den Verkauf selbstgebackenen Brots. Anfang der 1980er Jahre kam er nach Hamburg, wo er eine Ausbildung zum Werbefotograf absolvierte. Anschließend reiste er noch mal ein Jahr durch Südamerika, bevor er in der Hansestadt endgültig sesshaft wurde. Thomas lebt mit seiner Partnerin Carola Hillmann und deren Sohn (seine 22-jährige Tochter wurde inzwischen flügge) in Bahrenfeld und hat ein 300-qm-Fotostudio in Hamburg-Altona. Er paddelt seit 1993 und ist Einzelmitglied im Deutschen Kanu Verband (DKV). 1999 gründete er den Thomas Kettler Verlag, 2007 ging die Bildagentur www.outdoor-archiv.de online.

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