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Szene

VIP-Interview Gerd Kassel

06. April 2009 von Manuel Arnu

Über eine Dekade lang erfreute Paddelreporter Gerd Kassel die KANU-Leser mit besonders lebensechten Reportagen. Bis sein Körper streikte. Herzinfarkt, Gehirnblutung und ein komplizierter Trümmerbruch rissen ihn aus einem wilden Leben. Doch das ist für den gebürtigen Hessen noch lange kein Grund, die Finger davon zu lassen. Hier die XXL-Version des Interviews aus KANU 2/2009.

Gerhard Kassel
Gerd Kassel
Foto: Archiv Kassel

Ein Arzt gab dir folgenden Rat: »Ändern Sie Ihre Lebenseinstellung und unterlassen Sie Ihre Outdoor-Abenteuer, bevor diese Sie umbringen.« Du lebst aber noch, oder?

 

Ja, sogar sehr gut! Seit meinem Herzinfarkt am ersten Tag des Jahres 2008 war ich schon wieder mit dem Campingbus auf 3400 m am Kaunertaler Gletscher zum Skifahren, im Sommer sechs Wochen auf Römo zum Seekajakfahren und Strandsegeln und im Herbst in Spanien zum Tourensegeln mit dem Katamaran. Trotzdem gehören Ärzte auch weiterhin zu meinen besten und wichtigsten Freunden. Ohne ihr Wissen und Können wäre ich längst tot. Was viele Ärzte aber nicht wissen können oder nicht kapieren wollen: Outdoor-Abenteuer und naturnahe Erlebnissportarten gehören bei mir seit Jahrzehnten zur wirksamsten Medizin gegen körperlichen und seelischen Verfall.

 

 

Du hast dein Leben also doch geändert ...


Meine Lebenseinstellung habe ich nicht geändert, wohl aber meine Lebensgewohnheiten. Im Klartext: Ich habe mit dem Rauchen und Saufen aufgehört, trainiere jeden Tag eine Stunde auf dem Ergometer, mache leichtes Krafttraining für Arme, Oberkörper und Beine, ernähre mich überwiegend gesund ohne Industriezucker, Schweinefleisch und Kuchen, esse stattdessen meist Obst und Gemüse – und der Knaller: Ich habe in einem Jahr trotz Rauchstop 15 kg abgenommen. Seitdem passe ich auch wieder in meine liebste Schnürlederjeans und ins Cockpit meines Lieblingskajaks.

 

 

Ein klein wenig Wahrheit steckte wohl doch in jener Warnung?


Die eigentliche Ursache für meine extreme Lebensweise liegt Jahrzehnte zurück. Mit 26 Jahren hatte ich plötzlich einen chronisch entzündeten Dünndarm und chronisch entzündete Hüftgelenke. Diagnose Morbus Crohn und Coxarthrose. Ich saß erstmals im Rollstuhl. Dann folgten eine schwere Darm-OP mit merkwürdigen Blicken der Ärzte, die Kündigung durch meine private Krankenversicherung und die Rückzahlung meiner Lebensversicherungsbeiträge. Da wurde mir schlagartig klar: ich muss mich beeilen im Leben, um noch auf meine Kosten zu kommen. Ich gab Gas und zündete meine Lebenskerze an beiden Enden an. Ich wendete mich den besonders spannenden Natursportarten zu, damit die Schmerz-Lust-Relation stimmte ;-) Schachspielen entspricht nicht meinem Naturell. Ein Naturmensch war ich schon immer, doch nun konnte ich nicht mehr gut laufen und brauchte ein passendes und naturverträgliches Fortbewegungsmittel. Kanus aller Art für das Paddeln auf Zahm-, Wild-, Salz- und Schmutzwasser kamen da wie gerufen. Aber auch Wintersport in allen Facetten kam auf die Liste, auch Segeln und Windsurfen.

 

 

Und das ging gut?


15 Jahre lang. Die Hüften machten irgendwie mit und der Darm kam immer öfter zur Ruhe. Erstmals ernsthaft verletzte ich mich 1988 ausgerechnet bei meiner ungefährlichsten Sportart, beim Tischtennisspiel. In einem hart umkämpften Meisterschaftsmatch riss mir in der schnellen Vorwärtsbewegung am linken Bein die Achillessehne und der Wadenmuskel ab. Nach einem Jahr Auszeit folgten elf weitere herrliche Natursportjahre mit unvergesslichen Erlebnissen. Erst mit 50 waren die Hüftgelenke dann endgültig hin und ich hatte schon einen OP-Termin für eine künstliche Hüfte. Aus der Hüft-OP wurde jedoch nichts, da ich mir im Oktober 2000 beim Windsurfen auf dem Meer drei Kilometer weit draußen den rechten Fuß brach. Meine Selbstrettung war schwierig. Kurz vor dem Unterkühlungstod erreichte ich den rettenden Strand. Kaum waren die Schrauben aus den Knochen, brach ich mir in Frankreich im Januar 2003 beim Snowboarden beide Beine. Vier Trümmerbrüche in Waden- und Schienbeinen plus rechtes Knie an der Tibia gespalten – es war der Supergau.           

Metall aus Gerhard Kassels Körper.
Gerd Kassels »Heavy Metal«-Sammlung
Foto: Archiv Kassel

 

Soviel Pech ist ja kaum noch steigerbar ...


Von wegen. Bei einer OP im Februar 2003 bekam ich einen Eiterkeim ins linke Bein – ohne es zunächst zu wissen. Trotz Marknagel heilte der Bruch nicht und es entstand eine Pseudo-Arthrose, bei der der Körper eine Art Zusatzgelenk »entwickelt«. Das Bein war nicht mehr belastbar, ich brauchte ständig Gehhilfen. Im Juli 2004 explodierte bei einem gerade gestarteten Schwedentrip der Eiter urplötzlich im linken Schienbein. Der Knochen platzte förmlich auf und es ging schnurstracks nach Frankfurt auf eine Spezialstation für Septische Chirurgie. Es folgten drei OPs in Serie.

Im September 2004 bekam ich auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums einen Gehirnkrampf und stürzte zuckend auf Beton. Ich verschluckte die Zunge und eine Kassiererin rettete mich couragiert vor dem Ersticken. Später auf der Intensivstation wurde eine Gehirnblutung entdeckt. Katastrophenalarm! Doch Glück im Unglück, die Blutung kam von selbst zum Stillstand. Die Gerinnsel-Rückstände sind heute noch da und verursachen partielle Gedächtnislücken. Doch damit kann ich leben, nur meine Schüler heißen jetzt alle Hänsel und Gretel.

 

 

Weitere Folgen?


Ein Jahr lang schluckte ich Antiepileptika, durfte kein Auto fahren und hatte plötzlich Bluthochdruck. Seitdem gehören auch Betablocker zum täglichen Frühstück. 2005 kam ich langsam wieder auf die Beine. 2006 startete die Kassel-Family im Auftrag des Pollner-Verlags eine Donau-Kanubuchserie. Es sah gut aus – bis im Mai 2007. Nach einem schwierigen schulischen Kanuprojekt auf der Lahn brach drei Tage später urplötzlich mein Immunsystem zusammen. Da lachte der schlafende Eiterkeim im linken Schienbein und griff wieder an! Er hatte leichtes Spiel und zerstörte das Knochenmark. In einer schnellen Operation wurde alles Faule ausgeräumt und eine 40 cm lange Antibiotikakette ins linke Schienbein implantiert. Die sollte sechs Monate später wieder raus. Aber ehe das passierte, traf mich der nächste Schlag: Am 1. Januar 2008 bekam ich besagten Herzinfarkt.     

Gerhard Kassel sitzt auf einer blauen Tonne.
»Meine wirksamste Medizin besteht im Weitermachen, nicht im Ausruhen und sinnlosen Sinnieren.«
Foto: Archiv Kassel

 

Welche geistigen Narben haben all diese Schicksalschläge hinterlassen?


Depressionen, Albträume, Schlafstörungen, Ängste, Schweißausbrüche – Narben, die ich allesamt nur mit einer weiteren Teilnahme am Outdoorgeschehen wirksam bekämpfen kann. Wie schon anfangs erwähnt, besteht meine wirksamste Medizin im Weitermachen, nicht im Ausruhen und sinnlosen Sinnieren. Nur nachts holen mich die traumatischen Erinnerungen immer wieder ein. Ich bin jeden Tag froh, wenn der Morgen graut und ich den dunklen Wolken der schlaflosen Nacht wieder entfliehen kann.

 

 

Du hast mal die Gleichung »Kanu + Zelt + Schlafsack = Kassel« aufgestellt. Ist sie inzwischen ungültig?


Auf gar keinen Fall! Ich muss nur ungeheuer aufpassen im schwierigen Gelände. Ein Fehltritt und die Beine brechen wieder. Unbegehbare Wildnis, wie ich sie eigentlich liebe, kommt nicht mehr in Frage. Aber das ist egal. Ich werde bescheiden: Das Zelt wird immer noch aufgebaut – aber nur auf englischem Rasen.

 

 

War dein intensives Outdoorleben diesen Preis wert?


Trotz 14 OPs in zwei Jahren: Ja! Die Freude an meinen Outdoorsportarten hat mir in vielen schwierigen Lebenssituationen geholfen, den ganz normalen Alltag zu überleben. Allerdings: Ich habe in vielen Situationen den Bogen überspannt und meinem Körper mehr abverlangt, als er drauf hatte. Nur woher sollte ich wissen, wo meine körperlichen Grenzen tatsächlich lagen? Es ist immer ein Risiko, sich an Grenzen heranzuwagen, die man nicht kennt. Im Nachhinein ist man klüger. Aber nach wie vor taste ich mich an meine Grenzen heran. Ein Beispiel: Nach der letzten Bein-OP warnte mich mein Arzt: »Der Schienbeinknochen ist nur noch mit 20 kg Gewicht belastbar. Wenn Sie auf einen Butterkeks treten, darf der nicht zerbrechen!« Das hätte bedeutet: Ständig Krücken und hier und da Rollstuhl. Das musste ich genauer wissen. Noch im Krankenhaus bin ich nachts heimlich das zwölfstöckige Treppenhaus rauf und runter gelaufen, damit meine wenigen Muskeln nicht restlos verkümmerten. Während meines stationären Aufenthaltes habe ich die Belastung täglich erhöht. Sollte mein Bein tatsächlich wieder brechen, dann bitte gleich hier im Krankenhaus. Es brach nicht. Nach drei Wochen verließ ich das Krankenhaus körperlich wie geistig aufrecht und ohne Gehhilfen.

 

 

Sport ist Mord – richtig oder falsch?


Falsch! Sport ist eine sehr wichtige Möglichkeit und Notwendigkeit für bewegungsgehemmte Menschen der modernen Gesellschaft, ihre Gesundheit zu erhalten. Bewegung ist Leben – Leben ist Bewegung. Sportunfälle sind in Relation zu anderen Gefahrenquellen recht selten. Auf den Unfallstationen, wo ich lag, konnte ich es stets nachzählen. Die meisten Unfälle passieren im Haushalt, im Beruf und auf der Straße

Gerhard Kassel fährt durch den Sand.
Das neue Gerd-Mobil - mit dem »Turbo-Rollstuhl« zum Einstieg.
Foto: Archiv Kassel

 

Ein Leben lang spielte Sport und Abenteuer eine zentrale Rolle in deinem Leben. Und dann lässt dich dein Körper im Stich. Ein Grund zum Resignieren?

 

Nein, auf keinen Fall. Selbst als mich mein Körper im Stich ließ, musste ich nicht auf Nervenkitzel verzichten: Wenn man zitternd, frierend und halb bewusstlos vor Schmerzen mit gebrochenen Beinen in einen OP-Saal gefahren wird, wo blutverschmierte, grüne Männchen rumrennen, dann befindet man sich in einem verdammt realen und lang andauernden Abenteuer. Hier kann man dann keine Kippe mehr rauchen oder die Situation durch einen Angstschiss hinauszögern: Es ist eine unglaublich sportliche Herausforderung, mit zwei gebrochenen Beinen Pinkeln zu gehen. Und der Klinikpark wird urplötzlich zum Dschungelparadies. Ich habe an jeder vergammelten Rose gerochen, um den Gestank nach Äther aus der Nase zu kriegen. Was ich sagen will: Es ist alles eine Frage der Relationen. Auf Sport, Natur und Abenteuer muss ich auch im Rollstuhl nicht verzichten. Im Sommer 2008 war ich sechs Wochen auf der Sandinsel Römö, um das Strandsegeln zu lernen. Dieser rasante Natursport ist ideal für Leute, die nicht mehr laufen können. Es gibt noch viel zu lernen und zu erleben im Metier der Behindertensportarten.
 

 

Keine Spur von Resignation?


Meine gesamte positive Lebenseinstellung entwickelte sich erst NACH Krankheiten und Unfällen. Solange man gesund ist, rennt man wie ein Idiot gehetzt durch den Alltag, kapiert nicht, dass unser Leben verdammt kurz und schnell vergänglich ist und verschiebt alles Schöne, Gute und Wichtige auf morgen. Das genussvolle, erfüllte, interessante Leben und seine tägliche Gestaltung lernt man nicht in der Schule. Erst in der Schule des Lebens, wenn man Körpereinschläge und andere Niederlagen einstecken muss, beginnt das wichtige Nachdenken und Lernen fürs Leben. Jede lebensbedrohende Erfahrung gibt neue Erkenntnis und setzt neue Energien frei – wenn man sich nicht hängen lässt.

 

 

Kann man nach einem solchen Einschnitt auf »Altersmilde« hoffen?


Aber sicher doch. Ich bin jetzt 57, ziemlich alt also für die Sportarten, die ich früher betrieben habe. Aber Älterwerden macht auch ein bisschen weise. Ich bin ruhiger, gelassener geworden, freue mich mehr über Kleinigkeiten, kann sogar zusehen, wie meine Kids da draußen im wilden Fluss paddeln oder beim Windsurfen auf dem Meer Freude haben. Ich habe mittlerweile einen Schwerbehindertenausweis mit 80 % + G und Nachteilsausgleich im Beruf und beim Finanzamt. Wenn ich wollte, könnte ich in den krankheitsbedingten Ruhestand gehen. Aber ich will nicht, es gibt noch viel zu tun, was mir Spaß macht, auch in der Schule. Herzinfarkt und Gehbehinderung sind für mich kein Grund das bisherige Leben über Bord zu werfen.

 

Was treibt Gerd Kassel heute in seiner Freizeit?


Es geht gnadenlos weiter, mit allem, was Spaß macht, wobei ich zwischen Arbeit und Freizeit nicht unterscheide. Meine Arbeit als Lehrer betrachte ich schon lange als eines meiner Lieblingshobbys. Im Jahr 2009 führen wir mit neuen Leuten und neuen Ideen ein schulisches, erlebnispädagogisches Kanuprojekt an der größten allgemeinbildenden Schule Deutschlands, der Kopernikusschule Freigericht, durch. Neu ist im 15. Jubiläumsjahr meines Projekts nicht das Indianerspielen, sondern die Planung, Organisation, Durchführung und Reflexion online über spezielle Internetseiten. Alle Projektteilnehmer – Schüler, Lehrer, Eltern, Sponsoren, Interessierte – arbeiten hier aktiv in besonderen Projektforen mit. Von unterwegs am Lagerfeuer werden täglich aktuelle Bildreportagen ins Netz gesetzt. Wir üben den Umgang mit medialem Hightech-Equipment. Privat sind wir auch immer noch im Kanu mit Zeltgepäck unterwegs, allerdings im 1000-km-Radius rund um Frankfurt. Bei Ausbruch einer Osteomyelitis muss ich innerhalb von 24 Stunden unterm Messer des Spezialisten sein. Aber da gibt es ja ein paar schöne Flüsse in Frankreich und Deutschland, die kann man auch mehrmals im Leben paddeln. Gerne würde ich demnächst das Donau-Buchprojekt fortsetzen. Da warte ich aber noch lieber ein bisschen, ob sich meine Gesundheit noch mal stabilisiert.

 

 

Und im Winter?


Wintersport geht auch noch für ein paar Stunden am Tag. Allerdings fahre ich nur noch Ski, kein Snowboard mehr. Ich muss jede harte Erschütterung vermeiden, wähle also nur noch gut präparierte Pisten bei guter Sicht. Der Kaunertaler Gletscher ist Behindertentreffpunkt Nr. 1 in Europa. Dort bin ich jetzt richtig. Demnächst lerne ich schon mal das Skifahren in einer Sitzschale für Querschnittgelähmte. Es ist wohl sinnvoll, dass ich das schon kann, ehe ich es wirklich brauche.

 

 

Treue KANU-Magazin-Leser kennen deine »Mobile Einheit für Natursport«, ein mit allerlei Sportgeräten beladenes Reisemobil. Gibt es die noch?

 

Klar, und es sind sogar noch einige behindertengereckte »Spielsachen« hinzugekommen: Segelkatamaran, Laserjolle, Strandsegler und Turbo-Rollstuhl (geländegängiger PGO-Motorbuggy). Statt einem Kanutrailer stehen jetzt drei Anhänger mit unterschiedlicher Beladung im Basislager.

Gerhard Kassel mit Ski.
Kassel-Gespann on the road: 2008 am Kaunertaler Gletscher.
Foto: Archiv Kassel

 

 

Auch deine drei Kinder sind begeisterte Natursportler. Was denken sie über dein Schicksal?


Bezüglich Nicht-Jammern, Kämpfen und Aufstehen bin ich für meine Kinder wohl ein Vorbild. Sie alle wissen jetzt, was schwere Verletzungen für Folgen haben. Sina hatte schon einige Handgelenkbrüche und Sehnenabrisse, ihr Mann einen Drehbruch im linken Bein, Robin vor kurzem einen Kreuzbandriss. Aber all das hindert uns nicht, auch weiter mit Freude Natursport zu betreiben. Allerdings: Meine Kinder sind in mancherlei Beziehung viel härter und gefährlicher unterwegs als ich jemals zuvor. Ich werde alt und beginne mir Sorgen wegen der zu hohen Risikobereitschaft meiner Kinder zu machen. Das, was mich früher an meinen Eltern genervt hat – »Pass ja auf, das ist zu gefährlich« – gebe ich heute auch von mir.

 

 
Herzinfarkt, Trümmerbrüche und drohende Beinamputation – warum sollten Kinder wie auch Erwachsene trotzdem eine »Risikosportart« oder Outdoorsport betreiben?


Achtung, hier bitte nichts verwechseln bei Ursache und Wirkung: Ich war zuerst schwer krank und begann dann mit wiederbelebenden Risikosportarten als Therapie für Körper und Psyche. Vor mir liegt mein Lieblingsdokumentarfilm der letzten Jahre: Sturz ins Leere. Auf dem DVD-Filmcover steht der bedeutende Satz: »Erst in der Nähe des Todes spürst du, wie lebendig du bist«. Der Bergsteiger Joe Simpson – Hauptakteur und Autor des lesenswerten, gleichnamigen Buches – schreibt weiter: »Wenn du in der Nähe des Todes bist, bekommst du eine viel klarere Perspektive davon, was wirklich wichtig ist. Es ist nicht deine Hypothek und es ist nicht dein Job. Es ist allein die Tatsache, dass du da bist! Du fühlst dich lebendiger, wenn du in Gefahr bist, weil dein gesamter Körper sich auf Kämpfen und Fliehen einstellt ...« Ich möchte niemandem dringend empfehlen, Risikosportarten zu betreiben. Das muss jeder selbst wissen und spüren, wie viel Risiko er im Leben als Salz in der Suppe braucht. Aber Outdoor-Sport ist gesund, vielfältig und erfordert und fördert die Entwicklung von Kopf, Herz und Hand. Erlebnispädagogische Outdoorsportarten gehören in die Lehr- und Erziehungspläne der Ganztagsschule von morgen.

 

 
»Kanufahren als soziale Therapie« lautet der Titel deines letzten Buches. Was ist der Kern der These?

 

Die Antwort zu dieser Frage zitiere ich einfach mal aus dem Vorwort: »Was hat Bootfahren mit Therapie zu tun? Nun, wir sind keine Psychotherapeuten, sondern Lehrer. Bei der Ausübung unseres Berufes stellen wir tagtäglich fest, dass eine wachsende Zahl von Kindern schlecht oder gar nicht erzogen ist. Manche zeigen Verhaltensstörungen. Viele sind unsozial, egoistisch, unkameradschaftlich oder gar gewalttätig. Das gehört geändert, therapiert, geheilt. Immer mehr Eltern und Politiker verlangen von der Schule, dass sie nicht nur Wissen vermittelt und lehrt, wie man lernt, sondern die Kinder auch erzieht. Also fangen wir einfach mal damit an. Nur: Moralpredigten und Meckerpädagogik verändern wenig. Wir probieren es daher mit Projekten, die fortlaufend Situationen schaffen, die soziales Verhalten aller Teilnehmer erfordern und fördern. Unser hier vorgestelltes Kanuprojekt trägt deshalb ganz bewusst den Titel ‚Kanufahren als soziale Therapie’.«

 


Hat Kanufahren auch dich therapiert?


Die Antwort ist eindeutig ja. Manchmal lässt die Wirkung zwar nach, doch dann muss ich nur die jährliche Dosis wieder erhöhen.

 

Gerhard Kassels Website.
»Monster«-Webseite von Gerd Kassel.
Foto: kanukassel.de

Du bezeichnest deine Webseite www.kanukassel.de mit über 260 Seiten und mehr als 7500 Bildern selbst als Informationsmüllhalde. Wer  soll das alles lesen?


Es ist kaum zu glauben, aber es melden sich immer wieder Besucher zu Wort, bei denen ich schnell bemerke, dass sie verdammt lange und verdammt viel auf meiner Website gesurft sind. Ich selbst habe allerdings über den Inhalt dessen, was ich in den meist schlaflosen Nächten ohne langes Überlegen ins Netz gestellt habe, den Überblick verloren. Mailt mich jemand an, was oft vorkommt, muss ich erst mal selbst lesen, was ich da einst geäußert oder gezeigt habe. Neulich hatte ich die Idee, aus dem unüberschaubaren www.kanukassel.de ein angemessenes www.chaoskassel.de zu machen oder das Chaos zu löschen und mit fünf neuen, überschaubaren Web-Seiten zu den immer noch sehr differenzierten Themen meines bewegten Lebens öffentlich Stellung zu beziehen. Aber keine Zeit. Wem Kanukassel.de zu chaotisch und doof ist, der klickt eh sofort weiter. Niemand wird genötigt, dort zu verweilen.

 


Auf Kanukassel.de gibst du viele Intimitäten aus deinem Leben preis. Woher rührt dieser innerliche Kehraus?

 
In meinem Leben habe ich viele Berichte über extreme Abenteuer gelesen. Was ich dort immer vermisst habe, war das Intime. Wie zensiert kommen mir viele Bücher bekannter Abenteurer vor, entweder durch Verlagsredaktionen oder das Schamgefühl der Erzähler. Ich bin so schamlos und erzähle – fast – alles! Und siehe da: Die Reaktionen von Lesern, die sich auch in die Niederungen meiner Website verirren, sind erstaunlich. Besonders die Rubrik »No Risk, No Fun« führt immer wieder zu sehr interessanten, intensiven und hilfreichen Online-Kontakten. Anfangs waren meine Storys über meine Unfälle und ihre körperlichen und geistigen Folgen ein Testballon. Würde man mich in die Pfanne hauen? Würde man mir einen vollkommen daneben liegenden Selbstdarstellungszwang unterstellen? Aber dem war nicht so.
 


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