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Szene

V.I.P.: Hans Memminger

10. September 2006 von Michael Neumann

Hans Memminger darf man getrost als einflussreichsten Paddler der letzten 40 Jahre bezeichnen. Mit legendären Expeditionen setzte er Maßstäbe in Wildwasser und Eismeer. Seine Filme infizierten Abertausende mit dem Paddelvirus. Dieses Jahr ist Hans Memminger 70 geworden – und blickt zufrieden auf einen erfüllten Lebenstraum.

Hans Memminger.
Hans Memminger
Foto: Michael Neumann

Warum bist du Paddler geworden?
Aus unbändiger Freude am Wasser. Und das Kajak ist das einfachste und genialste Gerät, um diese Freude leben zu können.

 

 

Das erste Mal im Boot?
1955, im gebrauchten Klepper eines Freundes.

 

 

Das erste eigene Boot?
1956. Die Begeisterung war trotz vieler Schwimm­einlagen riesengroß und hält bis heute an.

 

 

Idole?
Keine wirklichen. Allerdings weckten der Expeditionsfilmer Hans Ertl und natürlich Herbert Rittlinger frühzeitig meine Sehnsucht nach fernen Ländern.

 

 

Welche Erfindung erfreut dich noch heute?
Carbonpaddel. Einmal gerührt, für immer verführt!

 

 

Welche Erfindung ist dringend fällig?
Eine Spritzdecke mit Schließautomatik

Hans Memminger auf dem Colorado.
In den 70ern erlebte Hans Memminger am Colorado ein Jahrhundert-Hochwasser.
Foto: Archiv Hans Memminger

 

 

Dein Lieblingsfluss?

Der Grand Canyon des Colorado! Hitze und Kälte, Tosen und Stille, Wildheit und Lieblichkeit in einer Landschaft, die Ehrfurcht im altmodischen Sinn aufkommen lässt. Um einmal den Grand Canyon zu befahren, lohnt es sich allein, paddeln zu lernen. Close calls?Paradoxerweise nicht auf dem Wasser, sondern ein Absturz im Altai-Gebirge in Sibirien. Der Riemen des russischen Steigeisens riss, ich stürzte mehrere hundert Meter ab. Im Flug dachte ich noch: Das war's, jetzt wirst du gleich neben dir stehen. Schräges Gelände verminderte zum Glück die Wucht des Aufschlags. Trotz zerschmetterter Schulter, gebrochenem Knöchel und diversen anderen Verletzungen konnte ich noch bis zum Basislager absteigen. Dort bekam ich Hilfe. Weil im Zelt kein Licht war, flickte mich der russische Expeditionsarzt draußen im Schneetreiben zusammen – ohne Narkose, aber mit rührender Hingabe. Während deinen Hochzeiten als Paddler wurde auch der AKC aus der Taufe gehoben.

 

 

Warum warst du dort nie Mitglied?

Mit Holger Machatschek, dem Gründer des AKC, hatte ich immer guten Kontakt, aber meine Zeit war durch eigene Aktivitäten viel zu knapp, als dass ich mich positiv in einen Verein hätte einbringen können. Inzwischen bin ich Ehrenmitglied, das freut mich sehr. In der Imster Schlucht des Inn ist eine Walze nach dir benannt.

 

 

Warum?

Auf der Suche nach einer großen Walze, in der ein Überschlag im langen Kajak möglich ist, wurde ich am Inn fündig, kurz vor der Einmündung der Ötz. Die Filmaufnahmen waren damals außergewöhnlich. Dass die Stelle nun Memminger-Walze genannt wird, habe ich erst Jahre später erfahren.

 

Fluss aus Eis: Der Alesk River in Alaska.
Fluss aus Eis: Der Alesk River in Alaska.
Foto: Archiv Hans Memminger

Während viele KANU-Leser noch nicht einmal geboren waren, hast du schon wilde Erstbefahrungen in Übersee verbucht. Wie ging es los mit diesen Expeditionen?
Günther Hauser, Extrembergsteiger und frisch ernannter Konsul von Nepal, kam 1972 auf mich zu: Ob ich nicht im Himalaya Flüsse erkunden könne? Bergtrekking und Flussfahrten, das war seine Vision für die touristische Zukunft dort. 1974 bekam ich den konkreten Auftrag. Otto Huber und Fred Schmidtkonz kamen mit, und wir befuhren als wohl erste Paddler die große Kali Gandaki-Schlucht, den Marsyandi, den oberen Trisuli und den Seti. Mein Film darüber, »Kajak Himalaya«, fand besondere Beachtung und wurde zu unserer großen Freude beim internationalen Bergfilmfestival in Trient mit dem Preis der Nationen ausgezeichnet.

 

 

Auf Nepal folgte Buthan, ein Land, das sich bis heute westlichen Einflüssen entzieht. Was hat dir die Türen geöffnet?
Ich war mehrmals in Nepal und habe dort Raftguides ausgebildet. Ein dutzend junger Nepali fand so einen neuen Beruf und eine schöne Existenz. Diese Entwicklungshilfe fand in Bhutan Beachtung – und eines Tages bekam ich von höchster Stelle eine Anfrage, ob ich die großen Flüsse des Landes erkunden könne. Das war wie ein Lotto-Gewinn. Drei Monate Erkundung in einem Land, das üblicherweise keinem Fremden Einlass gewährte. Die Freunde Otto und Fred konnte ich dafür gewinnen, und auch Mike Hierl, den Spitzenpaddler aus München. In den drei Monaten haben wir die Hauptflüsse Mo Chu, Chang Chu, Sankosh, Kuru Chu, Dangme Chu und Manas befahren.

 

 

Ihr habt euch auf die großen Flüsse konzen­triert. Waren die Nebenbäche nicht fahrbar?
Die Nebenflüsse ähneln den Wildwassern von Korsika bei hohem Wasserstand. Enge Verblockungen und starkes Gefälle. Da ist heute noch jede Menge zu erkunden und erstzubefahren.

Mike Hierl und Hans Memminger mit dem Verkehrsminister von Buthan.
Mike Hierl und Hans Memminger mit dem Verkehrsminister von Buthan.
Foto: Archiv Hans Memminger

Das Highlight deiner Wildwasser-Karriere dürfte die Befahrung des Turnback Canyon auf dem Alsek in Alaska gewesen sein. Was macht diese Fahrt, die bis heute nicht viele Nachahmer gefunden hat, so gefährlich?


Der Turnback ist ein besonderer Canyon. Das Problem sind weniger Gefälle oder Verblockung, sondern die brodelnden Wassermassen und die Temperatur. Mehrfach zwängt sich der breite Alsek durch Engstellen, in denen es regelrecht zu kochen scheint. Die Kehrwasser pumpen meterhoch, aus manchen würde ein Kajak nicht mehr heraus kommen. Dann ist der Fluss eiskalt. Die Finger werden im Nu gefühllos. Mitten im tosenden Fluss knallen Eisbrocken gegens Boot. Du weißt, wenn du das Kajak verlässt, dann bist du tot. Entweder die Strömung oder die Kälte bringen dich um. Dem Erstbefahrer Walt Blackadar drückte ein Eisbrocken das Kajak ein. Er kenterte und musste um sein Leben eskimotieren.

 


Apropos Erstbefahrer: Wir waren nicht die Ersten im Turnback, aber sind als Erste ohne Besichtigung gefahren. Walt Blackadar flog die Schlucht vier Mal ab, um sich Schlüsselstellen einzuprägen. Eine englisch-französische Truppe kurz vor uns hatte auch Hubschrauberunterstützung. Leider konnte dieser bei einer tödlichen Kenterung nicht helfen. Elmar Engel hat da in seinem »Kanada Almanach« einiges durcheinander gebracht, als er schrieb, wir hätten extremes Niederwasser gehabt und ständig sei ein Helikopter über uns geflogen. Einen Heli konnten wir uns gar nicht leisten – und der Wasserstand war durch Regen alles andere als niedrig. Klaus Streckmann und Mike Hierl waren bei dieser Tour meine Kameraden, ohne sie hätte ich keinen so tollen Film mitgebracht.

Hans Memminger druchpaddelt Nordwest-Passage.
In vier arktischen Sommern durchpaddelte Memminger die gefürchtete Nordwest-Passage.
Foto: Archiv Hans Memminger

Nach den großen Wildwasser-Expeditionen bist du ins Seekajakmetier gewechselt und mehrere Sommer in der Arktis gepaddelt. Was hast du dort gesucht?
Es ist immer das Neue, das lockt. Bei Flügen über die Polregion hatte ich immer fasziniert auf die Glitzerwelt aus Wasser und Eis geblickt. Dort, das war mir klar, wollte ich einmal paddeln. Dass daraus eine Tour durch den Eisteil der Nordwestpassage werden würde, ahnte ich natürlich nicht. Neu­gierde und die Freude, irgendwo am Ende der Welt unterwegs zu sein, waren wohl die Triebfedern.    

 

 

Und was hast du im Eismeer gefunden?
Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben – und würde dem Erlebten doch nicht gerecht. Was mir die Hocharktis in der schonungslosen Ausgesetztheit mit dem Kajak vermittelt hat, wird bis zum Ende meiner Tage in meiner Erinnerung leuchten. Unsere Erde auf diese elementare Weise erleben zu dürfen – welch ein Glück!    

 

 

Schon mal mit einem Eisbär gekuschelt?
Bereits bei unserer ersten Eismeerquerung von Grönland nach Kanada begegneten wir 29 Eisbären. Nach Kuscheln war uns da nicht zumute.

 

   

Deine Mitpaddler hast du aus dem Freundeskreis in Bayern rekrutiert. Sind Wildwasserfahrer die besseren Seekajaker?
Nicht unbedingt. Aber perfekte Bootsbeherrschung ist eine wichtige Voraussetzung auf dem Meer – und Wildwasser ist eine hervorragende Schule dafür. In den Tagen, in denen wir im Sturm kämpften, gab uns die Wildwasser­erfahrung Sicherheit. Aber die See hat ihre eigenen Gesetze, und diese gnadenlose Autorität muss man kennen und sich anpassen, sonst geht es schief.

Hans Memminger beim Filmen.
Hans Memminger setzt den Kanusport in Szene.
Foto: Archiv Hans Memminger

Was war zuerst da, die Liebe zum Paddeln oder die Liebe zum Film?
Das war von Anfang an ziemlich gleichwertig. Mir hat eine gelungene Filmszene genauso viel Freude bereitet wie eine gelungene Befahrung

 

 

Heute kann jeder Jungspund einen Film drehen – dank Videotechnik und Computer. Wie siehst du diese Entwicklung?
Jede Zeit hat ihre spezielle Technik. Ob Film oder HDTV, letztendlich kommt es darauf an, eine fesselnde Geschichte zu vermitteln. Mit der heutigen digitalen Aufnahmetechnik hat man ungleich mehr Möglichkeiten – muss jedoch streng darauf achten, sich nicht darin zu verlieren. Der klassische Film mit seinen hohen Kosten zwang mich zu reduzieren. Beim Videofilmen wird ja oft permanent gefilmt und dann nur ein Bruchteil verwendet. Ich hatte früher ein Drehverhältnis von fast 1:1 – praktisch jeder belichtete Meter Film wurde auch verwendet. Bis heute benutze ich mindestens die Hälfte des Materials für die Endfassung.

     

 

 

Du hast dein Herz an die Flusslandschaften Kanadas und Alaskas verloren. Wolltest du nie dein Haus in Feldkirchen-Westerham
gegen eines im Yukon tauschen?

Logisch gab es eine Zeit, in der solche Gedanken keimten. Mein Realitätssinn hat diese Ideen aber in Grenzen gehalten. Heute weiß ich: am Alpenrand zu wohnen, ist durch nichts zu überbieten. Landschaft, Freunde, Kultur – das ist in meinen Augen beste Lebensqualität.

Unterwegs in der arktischen Nordwest-Passage.
Unterwegs in der arktischen Nordwest-Passage.
Foto: Archiv Hans Memminger

Man bezeichnet dich gern als Reinhold Messner des Kanusports. Trotzdem hast du nicht annähernd dessen Bekanntheitsgrad ...
Gott sei Dank! Ich habe die Prominenz nie gesucht, denn der Preis dafür ist nicht gering. In meinen Filmen stehen Erlebnis und Freude im Vordergrund. Kajakfahren ist zudem eine Randsportart, der von den Medien nur geringes Interesse entgegengebracht wird. Die Bergsteiger haben es dagegen seit Generationen verstanden, ihre Taten in heroisches Licht zu kleiden. Das ist legitim. Auch die Götter wohnen in lichter Höhe, im Olymp. Schluchten, das ist Unterwelt, Dunkelheit! Paddler sind also nicht so hehre Gestalten. Aber ich habe mich da unten immer sehr wohl gefühlt.

 

 

Du hast dich früh als Filmemacher und Vortragsredner selbstständig gemacht. Ist die Rente sicher?
Was immer ich verdiente, habe ich umgehend wieder in Projekte und Filme investiert. Dass die Rente einmal unsicherer sein wird als die schwerste meiner Expeditionen, ist mir schon vor Jahrzehnten klar geworden. Hätte ich auf Sicherheit gebaut, wäre ich Beamter. Das Leben bietet keine Sicherheit.

 

 

Wo sind deine Nachfolger?
Was seit Jahren im Extremkajaksport geleistet wird, ist großartig. Leider wird vieles vom Kommerz ungünstig beeinflusst. Eine neue Zeit hat andere Einflüsse, eine junge Generation eine andere Sprache. Es wird sich schon richtig entwickeln, denn viele sind auf dem Weg. Olaf Obsommer wünsche ich, dass er die Freude an seinem Schaffen als Kanu­filmer beibehält und vielen Freude bereitet.

 

 

Wenn du noch mal 30 wärst ...
Kein Mensch war bisher im Sommer am Nordpol! Wenn das Eis bricht und sich unzählige Wasserrinnen auftun, ist das nur mit einem Kajak zu schaffen. Ich denke, dies ist das letzte große Abenteuer auf diesem Planeten.

 

 

Wo siehst du den Kanusport in zehn Jahren?
Der Schrei nach immer mehr Energie macht mich pessimistisch. Man wird noch stärker die Wasserkraft nutzen, noch mehr einzigartige Wildwasserparadiese werden verschwinden. Zwangsläufig wird die Tendenz zum Wasserwandern auf Seen und an Küsten gehen. Für den Individualisten wird sich aber wenig ändern – tausende von unbekannten Wildwassern gilt es noch zu entdecken, vorausgesetzt politische Spannungen machen nicht allen Reisen bald ein Ende.

 

 

Wann kommt die DVD »Best of Memminger«?
Momentan arbeite ich tatsächlich daran. Aber zu meiner Schande muss ich gestehen: Wenn ich keinen Termindruck habe, kann ich nicht lange im Keller stillsitzen. Der schönste Film kann das Erlebnis draußen nicht ersetzen. So lasse ich immer wieder meine Arbeit liegen und genieße Licht und Wasser. Das ist für mich »Best of Memminger«.


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