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»Rush Skywalker«: Der Filmfestival-Sieger im Interview

10. März 2009 von Jens Klatt, Übersetzung: Martin Koll

Rush Sturges (24), Mastermind der »Young Gun Productions« (Dynasty), war in den letzen Jahren maßgeblich für die rasante Entwicklung im Wildwasser und Freestyle verantwortlich. Ob »New School« Wasserfall-Tricks oder revolutionäre Kameraperspektiven, der Kalifornier setzt im Kajaksport immer wieder überraschende Trends. Als Stargast des Rosenheimer Filmfestivals weilte Rush ein paar Tage in Deutschland. KANU nutzte die Gunst der Stunde und lud Rush nach dem Filmfestival zum Snowboarden ein – und um ihn Löcher in den Bauch zu fragen.

Foto zum Interview mit Rush Sturges.

AdrenalinRush powdert im Zillertal - KANU nutzte die Gelegenheit zum Interview.
Foto: Jens Klatt

Du hast gerade das Filmfestival in Rosenheim gewonnen. Stolz?

 

Um ehrlich zu sein, weiß ich vorher nie genau, wie ein Film aufgenommen wird. Als ich dann als Erstplatzierter vorgestellt wurde, war es natürlich eine Ehre zu erleben, dass er den Leuten gefallen hat. Es war das erste Mal, dass ich einen Film in dieser Zusammenstellung gemacht hab - Dokumentation, Reisebericht und Paddelaufnahmen zusammenzusetzen hatte schon etwas Experimentelles.

 

Dein erstes Mal in Deutschland?

 

Ja. Abartig gutes Bier! Ich steh auf den Mix mit Cola - aber warum nennt ihr das »Neger«? Jedenfalls super nach’m Snowboarden...

 

Erzähl uns doch mal was zu deinem neuen Film.

 

Der Film heißt »Africa Revolution Tour«. Wir sind letztes Jahr vier Monate lang durch Ostafrika getourt, um neue Flüsse zu erkunden – daraus ist der Film entstanden. Während unserer Mission haben wir einen Mitarbeiter des »Sun Catchers Project« aufgegabelt – einer uneigennützigen Organisation, die Solarenergie in Afrika publik machen will. Denn viele Menschenleben könnten in Afrika gerettet werden, wenn das Trinkwasser abgekocht würde. Und wenn die Afrikaner eines im Überschuss haben, dann ist es die Sonnen-Energie.
Im Kern handelt es sich bei »Africa Revolution Tour« noch immer um einen Kajakfilm, dennoch versuchen wir eine Botschaft zu vermitteln. Wir wollen unseren Zuschauern die Probleme vor Augen führen, mit denen viele afrikanische Stämme tagtäglich konfrontiert sind. Ebenso spenden wir sämtliche Einnahmen des DVDs-Verkaufs für das »Sun Catchers Project«, ebenso die Einnahmen der Lotterie des Filmfestivals. Dank an Olaf und Jeden, der daran teilgenommen hat!

Foto zum Interview mit Rush Sturges.

»Africa Revolutions Tour« holt den Alltag der Afrikanischen Bevölkerung vor die Kamera.
Foto: Patrick Camblin

Du hast in Rosenheim den Song »Mama Africa« live auf der Bühne zum Besten gegeben. Worum geht's da?

 

Hauptsächlich dreht es sich um meine Erfahrungen, die ich in den fast sechs Monaten Aufenthalt in Afrika gesammelt habe. Der Kontinent hatte bedeutende Auswirkungen auf mein Leben und hat mir die Augen für die harten Lebensumstände in vielen Teilen der Erde geöffnet. Im Lied geht es um das Paddeln auf dem Schwarzen Kontinent, wo man wegen Krokos und Nilpferden am unteren Ende der Nahrungskette steht. Es geht aber auch darum, ausgeraubt zu werden, um die Armut im Land und dessen Ausbeutung durch unsere Gesellschaft. Für den Refrain habe ich mit einem Sänger namens »Chiwosino« aus Simbabwe zusammengearbeitet.

 

Foto zum Interview mit Rush Sturges.

Live on stage beim Filmfestival in Rosenheim.
Foto: Peter Lintner

Der Soundtrack der »Africa Revolution Tour« klingt sehr professionell, wie habt ihr das hinbekommen?

 

Im Film verwende ich Musik, die eigens für den Film komponiert wurde. Und das Geilste an der ganzen Sache ist, dass mir der weltbekannten Komponisten Greg Ellis bei der Musik half. Er ist großer Fan des »Sun Catchers Project« und hat mir einen wirklich guten Preis für seine Arbeit gemacht. Kennst du Greg Ellis? Er hat am Soundtrack für »Fight Club«, »Matrix« oder »300« mitgewirkt – ein Mann vom Fach. Auch meine eigene Hip Hop-Musik habe ich zum Film beigesteuert. Ich hab schon als Kind Gedichte geschrieben, der Schritt zum Hip Hop war dann die natürliche Folge dessen. Rapmusik ist für mich allerdings eher Hobby als Beruf, ich versuche nicht wirklich Geld damit zu machen. Ein paar meiner Songs kann man unter folgendem Link kostenlos downloaden.

 

Vom »Young Gun« zum Entwicklungshelfer

Foto zum Interview mit Rush Sturges.

Sturges Spezialgebiet ist Paddeln - egal ob Wellen oder Wasserfälle.
Foto: Laura Nash

Vom »Young Gun« zum Entwicklungshelfer - wie bist du eigentlich zum Paddeln gekommen?

 

Meinen Eltern betreiben die Kajakschule »Otter Bar Lodge« im Norden Kaliforniens. Ich bin quasi im Kajak aufgewachsen. Wir wohnen in einem ziemlich abgeschiedenen Gebiet, die nächste Stadt ist fast drei Stunden entfernt. Ich denke mal, es war die Wildnis um mich herum, die meine Leidenschaft für die Natur und das Kajakfahren dann noch verstärkt hat. Mein Vater hat mir als Kind ne Menge beigebracht und ich bin ihm und allen anderen großen Vorbildern, sehr dankbar.

 

Wie finanzierst du deine Trips?

 

Anfangs haben mich meine Eltern unterstützt, indem sie mir den Besuch der »Kayak Academy« ermöglichten. Dafür bin ich sehr dankbar! Nach meinem Sieg bei der Junioren-Weltmeisterschaft 2003 wurde ich ins Team von »Teva« und »Dagger« aufgenommen und war dann nicht mehr auf die Zuwendung meiner Eltern angewiesen. Meine Sponsoren stellen den Großteil meines Budgets. Ich arbeite ziemlich ehrgeizig an der Werbung für mich und meine Filme, auf diese Weise mache ich mein Geld.

 

Kannst du in zwei Sätzen erklären, was die »Kayak Academy« ist und wie sie dein Leben beeinflusst hat?

 

Die »World Class Kayak Academy« ist eine Privatschule, dessen Klassenzimmer die Flüsse der Welt sind. Paddeln ist Hauptfach, als Nebenfächer gibt’s Mathe, Englisch und den anderen Kram. Ich hatte das Glück drei Semester lang mit der Schule zu reisen. So konnte ich jeden Tag zu trainieren, während ich nebenbei weiter lernen konnte.

Foto zum Interview mit Rush Sturges.

Nach sieben Jahren YGP arbeitet Rush an eigenen Projekten.
Foto: Archiv Rush Sturges

Dort hast du zusammen mit Marlow Long und Brooks Baldwin »Young Gun Productions« gegründet. Wie steht's heute um YGP?

 

Die Ära der »Young Guns« hat sich zu etwas völlig Neuem und Spannendem entwickelt. Ich verdanke Marlow und Brooks eine Menge und wir sind immer noch gute Freunde. Allerdings ist es fast unmöglich, mit einer Kajakfilm-Company über die Runden zu kommen – das bisschen Geld auf drei Leute aufzuteilen, war wirklich schwierig. Außerdem habe ich den größten Teil der Post-Produktion übernommen, nämlich Schnitt und Musik. Ich versuche nicht die anderen für irgendwas herabzusetzen, YGP war Teamleistung, aber am Ende des Tages muss jeder zusehen, wo er bleibt. Abgesehen davon bin ich eher der Entdecker und sitze lieber im Creekboot als die zwei anderen. Unsere Interessen sind etwas auseinander gegangen: Filmemachen ist für mich nicht nur das Rumhängen an Playspots, sondern auch die Dokumentation abgeschiedener Flüsse. YGP überdauerte sieben Jahre und wir haben in der Zeit vier Filme produziert. Ich glaube, wir haben unsere Spuren in der Paddelwelt hinterlassen. Ich wünsche Marlow und Brooks alles Gute für ihre zukünftigen Projekte, doch konzentriere mich nun auf meine eigene Laufbahn.

 

»Africa Revolution Tour« ist dein fünfter Film. Hat sich der Stil deiner Filme verändert?

 

Über die Jahre habe ich gelernt, das eine gute Balance in den Filmen wichtig ist: Zu viele Wasserfälle und der Zuschauer ist gelangweilt, zu viel Gerede und die Leute schlafen ein. Ich versuche eine gesunde Mischung aus beidem zu finden – die Action-Doku.

Foto zum Interview mit Rush Sturges.

Neue Freestyle-Perspektiven: Für »Dynasty« wurde ein Jet-Ski zur Kamera-Tribühne.
Foto: Tanya Shuman

Euer dritter Film »Dynasty« erweckt den Anschein, als hättet ihr ein fettes Budget: Hubschrauber, Jet-Skis, Volkswagen als Sponsor. Ist das so wie es aussieht?

 

Cooles Spielzeug und fette Aufnahmen bedeuten nicht, dass du viel Geld hast. Meistens läuft es so: Sponsoren stellen dir ihre Produkte – wie im Falle von VW – für den Film zur Verfügung, aber nach Drehschluss wandert das Zeug zurück zum Hersteller. Geld fließt wenn dann nur in das Projekt, nie in deine eigene Tasche. Bei »Dynasty«, oder im Grunde jedem Film, den wir produziert haben, konnten wir gerade unsere eigenen Kosten decken. So sieht leider die Realität in der Wildwasser-Branche aus.

Foto zum Interview mit Rush Sturges.

»Die dunkle Seite steckt in jedem von uns – man muss sie nur kontrollieren.«
Foto: Patrick Camblin

Dein Künstlername »AdrenalineRush«(Adrenalin Kick) passt wie die Faust aufs Auge. Aber der Typ mir gegenüber ist ein sehr höflicher und ruhiger Mann. Bist du schizophren, eine Art »Jekyll and Hyde«?

 

(lacht) ... eher wie Anakin Skywalker – hin- und hergerissen zwischen der bösen und guten Seite der Macht. Die dunkle Seite platzt für gewöhnlich heraus, wenn Bier im Spiel ist. Nein, jetzt mal ernsthaft: ich schätze mich eher als einen manisch-depressiven Menschen ein. Tatsächlich denke ich, dass viele von uns »Adrenalin Junkies« so drauf sind. Wir leben ein Leben mit extremen Höhen und Tiefen. Unter diesen Tiefen leide ich meist sehr und hatte schon so manche depressive Phase. Besonders schlimm wird's, wenn du was richtig fettes und aufregendes gemacht hast und dich dann fragst: Was nun? Zum Glück ist das heute anders und so was belastet mich jetzt weniger. Ich habe mich mit der Tatsache abgefunden, dass es wichtiger ist, im gegenwärtigen Geisteszustand zu leben, als das Vergangene zu reflektieren oder über die Zukunft nachzugrübeln. Das ist eine Lebensweisheit des Dalai Lama, aber sie hilft mir wirklich. Ich glaube jeder besitzt zwei verschiedene Seiten – die eine ist das eigene Ego, die andere das wahre Ich. Ich messe meinen Erfolg an der eigenen Glückseeligkeit, dazu muss ich das eigene Ego zurückdrängen. Die dunkle Seite, also das Ego, steckt in jedem von uns – man muss es nur kontrollieren.

 

Wo siehst du dich in 10 Jahren?

 

Das Kajakfahren hat bei mir absolute Priorität. Ich möchte der beste und vielseitigste Paddler der Welt sein. Als Ergänzung dazu will ich die Wahrnehmung des Sports in der Öffentlichkeit verändern. Ich will Kajakfilme in der Qualität und dem Niveau produzieren, die der von Surf- und Snowboardfilmen in Nichts nachstehen. Ich habe vor, mich als Kajakfahrer soweit voranzutreiben, bis mein Körper nicht mehr mitmacht. Wenn ich dann - in vielleicht 15 Jahren - diesen Punkt erreicht habe, richte ich meinen Focus mehr auf’s Filme machen und die Musik.

 

Was machst du außer Paddeln, Mucke und Filmen.

 

Ich glaub die drei Hobbys beschäftigen mich voll und ganz.

Foto zum Interview mit Rush Sturges.

Paddeln allein langt nicht - schadet aber auch nicht.
Foto: Ian Garcia

Yes we Can?

 

Keine Frage, die Zeiten sehen düster aus. Nicht nur für den Kajaksport, sondern die Weltwirtschaft als Ganzes. Wir sollten diese Rezession mit positiver Einstellung und Begeisterungsfähigkeit behandeln. Es ist eine super Gelegenheit für die Menschheit (und die Amerikaner im Speziellen) die Art zu ändern, wie sie sowohl mit Geld, als auch mit dem Planeten Erde umgehen. Ich bin überzeugt, dass ein großer Umbruch in Bewusstsein und Geistigkeit der Menschen stattfinden muss, damit die Welt weiterhin besteht. Die Rezession bestärkt die Leute darin, an die wirklich wichtigen Dinge in ihrem Leben zu denken. Zurzeit weiß ich nicht, ob ich dieses Jahr überhaupt Profipaddler sein werde. Keiner meiner Verträge wurde bisher verlängert und viele meiner Sponsoren kürzen ihre Mittel. Sicher ist so etwas frustrierend, aber ich werde immer einen Weg finden, Paddler zu bleiben, egal was passiert.

 

Mein Ratschlag für jeden, dem eine solche Karriere vorschwebt: Entwickle Leidenschaft für etwas, dass du neben dem Paddeln verfolgst. Mir gefällt der Vergleich, dass die Lebensplanung wie das Errichten eines Gebäudes ist. Du willst so viele Stützbalken wie möglich, damit du – falls einer weg bricht – auf den nächsten zurückgreifen kannst. Falls mir augenblicklich all meine Sponsoren mitteilen, dass sie dieses Jahr nicht für mein Geld aufkommen können, habe ich das Filme machen und sogar die Musik, die mir Rückhalt bieten können. Wie Steve Fisher, der mir als Jugendlicher mal erklärte: »Nur durch's Paddeln kannst du in dieser Branche nicht überleben, du musst dir weitere Standbeine wie die Filmerei oder Fotographie suchen.« Wenn alle Stricke reißen, mache ich einen US-Import für »Vicebeer« auf und schlage Coca-Cola den »Obama« vor. Deutsches Bier und amerikanische Cola – da ist der Erfolg schon vorprogrammiert ;)!


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