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Szene

Big-Interview: Olaf Obsommer

30. November 2008

Der Steven Spielberg der Kanuszene heißt Olaf Obsommer und feiert 2008 mit seiner Firma Big-O-Productions 10-jähriges Dienstjubiläum. KANU gratuliert dem Filmemacher mit einem Big-Interview.

Olaf Obsommer.
Seit 10 Jahren im Filmge- schäft: Olaf Obsommer.
Foto: Archiv Olaf Obsommer

Vorneweg die Basics: Welche Geschichte steckt hinter deinem Spitznamen Big O?


Es gab eine Phase in meinem Leben, in der ich mehr in der Kneipe als zu Hause war und viel gezockt habe. Geld hatten wir keins, daher haben wir um Titel gespielt. Der Sieger musste von allen anderen für den Rest des Abends mit seinem Wunschtitel angesprochen werden. So zum Beispiel »Euer Hochwohlgeboren« oder eben der Anfangsbuchstabe des Vornamens mit einem BIG davor. Big O = XXL

 

 

Als Kajakfilmer bist du zweifelsohne schwer vom Paddelvirus befallen. Wie hast du dich infiziert?


Klassisch über meine Eltern im Verein. Meine Mutter ist mit mir schon schwanger über den Rhein geschippert. Ich konnte mich also gar nicht dagegen wehren, da ich den unheilbaren Paddelvirus mit der Muttermilch aufgesogen habe. Anfangs standen Wanderfahrten auf Wupper, Volme, Eder-Lippe, Ruhr, Lahn, Kyll, Rhein, Aare, Mosel, Sauer, Ourthe, Liege, Clerve, Ardèche, Lachte, Alz, Weser, Lenne ... auf dem Plan. Einige dieser Flüsse dürfen heutzutage gar nicht mehr befahren werden.

 

 

Bekannt bist du aber für deine Abenteuer als Extrempaddler. Wie hat sich der Sprung aufs Wildwasser vollzogen?


Mein Vater war Trainer in der Wuppertaler Paddlergilde. Kanadier-Flachbahn war dort Männersache, im Kajak durften nur Frauen sitzen. Irgendwie hat mich das aber nicht so begeistert. Im Gegenteil, ich habe damals jeden Artikel über Wildwasserpaddeln geradezu auswendig gelernt. Bis ich selber Wildwasserpaddeln konnte, war es ein langer Weg. Vereinswechsel nach Hilden, Wildwasserwochen, die JEM usw. gehörten zu meiner Entwicklung im Kajaksport, bis ich mit 18 endlich frei war und tun und lassen konnte, was ich wollte – sehr zum Unwohlsein meiner Mutter.

 

 

Wie hast du diese Freiheit genutzt?


Mein Kumpel Florian und ich tourten mit einem Ford Fiesta durch die Alpen. Mit dem DKV-Flussführer bewaffnet haben wir versucht, in drei Wochen möglichst viele Flüsse im 5. und 6. Schwierigkeitsgrad zu meistern. Lehrgeld und Glück ließen uns diese Zeit unfallfrei überstehen.

 

Wie hast du Berta kennengelernt?

 

Das war am Wiesenwehr an der Erft. Wolfgang war damals 32 und ich 19. Er hatte einen unbändigen Drang, neue Flüsse und Abschnitte kennenzulernen und gemeinsame Aktionen endeten oft in schwerer Arbeit mit wenig Paddeln. Manchmal wurden wir aber auch mit so genannten Wildwasserpralinen belohnt – ein tolles Gefühl, das den Virus wirken ließ. Oft sind wir am Freitag nach der Arbeit 750 Kilometer ins Tessin gedüst und haben Samstag und Sonntag maximal viele Bäche und Abschnitte gepaddelt. Am späten Sonntagabend sind wir wieder ins Auto gesprungen und direkt zur Arbeit zurück gebraten.

 

 

Norwegen, British Columbia, Costa Rica, Réunion, Malawi (Afrika), Kalifornien ... du warst schon damals auf der halben Welt unterwegs. Wie hast du Job und Reisen unter einen Hut gebracht?


Der Job als Altenpfleger war die perfekte Lösung. Durch den hohen Krankenstand beim Stammpersonal hätte ich theoretisch 365 Tage im Jahr arbeiten können. Die Realität sah anders aus: Drei bis vier Monate 180 bis 200 Stunden arbeiten, davon nur die Hälfte auszahlen lassen und im Anschluss drei bis vier Monate Abenteuer im Kajak erleben. Da ich mir während dieser Zeit den Rest auszahlen lassen konnte, war ich durchgehend kranken- und sozialversichert.

 

Seit 10 Jahren bist du nun als Filmemacher im Geschäft. Was hat dich dazu bewogen mit deinen Paddelfilmen auf Tour zu gehen?


1997 sind Manuel Arnu, Michael Neumann und ich in meinem Feuerwehr-Truck für zehn Wochen nach Norwegen aufgebrochen. Zum Refinanzieren der Reisen wollte ich wie Michi und Manuel fotografieren und Vorträge halten. Beide meinten aber, ich sollte mir lieber eine Videokamera kaufen, da der kleine Kanumarkt mit Fotografen übersättigt war. Mir war es im Grunde egal und durch das 8-mm-Filmen mit Berta haben mich bewegte Bilder ohnehin mehr interessiert. Zu dem Zeitpunkt kam die erste 3-CCD-Kamera von Panasonic auf den Markt. Eine Wunderwaffe in TV-Qualität. So konnte ich die rasante digitale Entwicklung von der ersten Sekunde an miterleben. Das Glück dabei war, dass ich rasch Experten kennenlernte, die mir viele nützliche Tipps gegeben haben.

 

 


Bei deinen ersten Filmen stand dir Kletter-Filmer Udo Neumann als Cutter zur Seite. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

 

1998 waren Norwegen, Réunion und die Alpen auf Tape gebannt. Damals konnte ich noch nicht selbst schneiden und es fehlte mir auch das Kapital für einen schnitttauglichen Computer. Hans Mayer und Horst Fürsattel motivierten mich trotzdem, es zu probieren. Horst kannte einen Kletterer im Frankenjura, der über die technischen Möglichkeiten verfügte und nicht so teuer wie ein Schnittstudio war. Udo schnitt meinen ersten Film »Boof Chicken Boof« und danach »Sickline I«. Während der langen Nächte vor dem Computer entwickelte sich aus der Geschäftsbeziehung eine Freundschaft. Als »Sickline II« anstand, meinte Udo, ich solle mir selber einen Computer zulegen ...

Foto: Michael Neumann

 

Worauf kommt es dir bei deinen Filmprojekten an?


Wichtig ist, dass meine Kunden mit dem Produkt zu frieden sind. Oder nicht ganz so businessmäßig: die Zuschauer sollen angerührt werden, Tränen sollen fließen, die Geilheit aufs Paddeln soll steigen, Träume sollen zu Taten werden und ein jeder angeregt werden, das Abenteuer suchen. Ganz wichtig ist aber auch, dass man sich selber nicht zu ernst nimmt, dass das Team gut zusammen arbeitet und jeder weiß, was zu tun ist. Das wäre der Idealzustand. Das ist natürlich nicht immer erreichbar. Des Weiteren spielt Sponsoring eine Rolle und so muss ich schauen, dass die gewünschten Produkte zu sehen sind.

 

 

Wie sieht so ein Dreh am Fluss aus?


Mittlerweile filmen wir oft mit zwei Kameras und benötigen dreimal so viel Zeit für den Flussabschnitt, als wenn wir ohne Kamera paddeln würden. Teilweise arbeite ich mit einem Kran oder einer Verlängerung aus Carbonrohren. Dazu müssen die Athleten routiniert sein, denn manchmal warten sie vor einer schweren Stelle einige Minuten, bis die Kamera steht und die Sonne lacht. Dann sind Nerven aus Stahl gefragt.

 

Paddelst du selbst noch extrem? Man sieht dich kaum noch auf Bildern oder in Videos ...


Gemessen an meinem Empfinden paddle ich immer noch Vollgas. Von der Hardcoreszene bin ich aber meilenweit entfernt. Die Arbeit ist mehr in den Lebensmittelpunkt gerutscht, dadurch bleibt wenig Zeit zum Kajakfahren ohne Kamera. Um beim Paddeln am Rande des Menschenmöglichen zu überleben, musst du körperlich topfit sein, durch uneingeschränkte Willenskraft überzeugen und im Besitz deiner jugendlichen Unsterblichkeit sein. Alles drei ist bei mir im Moment nicht im Gleichgewicht. Deswegen stehe ich lieber hinter der Kamera, anstatt davor zu glänzen. Trotzdem paddle ich gerne und habe kein Problem zu umtragen, wenn etwas nicht meiner Könnensstufe entspricht oder ich die Hosen voll habe.

 

 

Was erlebt man als einziger professioneller Filmemacher der Kajakszene?


Sex, Drugs, Rock’n’Roll und Groupies natürlich. Die üblichen Höhen und Tiefen halt. Über die Jahre sind auch viele lustige Dinge geschehen. Als wir in der Türkei waren, hat mich während des Filmens ein Türke angesprochen und mir sein Handy ans Ohr gehalten. Dran war seine Tochter, die in Stuttgart lebt und ihrem Vater übersetzt hat, was wir hier treiben.

Du sprichst von Tiefen. Sicher bekommst du beim Filmen auch mal brenzlige Situationen zu sehen?


Dieses Jahr wäre auf der Höllenrinne auf der Sorba beinahe ein Franzose vor meiner laufenden Kamera verunglückt. Trotzdem habe ich draufgehalten. Das hört sich eiskalt an, aber in der Situation und von meiner Position aus hätte ich in das Geschehen nicht eingreifen können. In solchen Situationen habe ich früher immer aufgehört zu filmen. Im Anschluss waren die betroffenen Athleten immer enttäuscht, dass ich abgebrochen habe. Dazu eine kleine Geschichte: Berta und ich sind die Melezza-Schlucht gepaddelt. Der Eingang in die Schlucht ist siphoniert und hat sich über die Jahre oft verlegt. Berta wollte die Linie vorgeben, verlor sein Paddeln, kämpfte mit den Händen im Rücklauf. Links floss alles Wasser in einen Siphon, rechts in die Freiheit. Er schaffte es nach rechts und ich musste ein Donnerwetter über mich ergehen lassen, dass ich die Aufnahme gestoppt habe, um ihm zu Hilfe zu eilen. Aber er hatte Recht, denn ich hätte ihm von meiner Position eh nicht helfen können.

 

Kannst du von der Kunst leben?


Ob ein Mensch von etwas leben kann, hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel die persönlichen Ansprüchen bezüglich Statussymbole, Fixkosten, Familie und Altersversorgung. In der Zeit meines Lebens, in der ich nur Kajakfahren im Kopf hatte – okay, auch Frauen haben mich etwas interessiert – wurden diese Punkte maximal reduziert: kein Auto, 60 Euro Miete, Altersversorgung eingefroren, keine Statussymbole. Lieber etwas weniger arbeiten, dafür aber lebenslang. Jetzt kann ich die vielen tollen Reisen problemlos meistern und genießen. Später könnte die Gesundheit, nachlassende Toleranz und Belastbarkeit das Ganze lähmen. Was nützt dir dann ein übervolles Konto?

 

 

2000 hast du dich entschieden, hauptberuflich Filme zu produzieren und den Job als Altenpfleger sein zu lassen. Hat sich das sofort rentiert?


Anfangs war mein Ziel, nach spätestens fünf Jahren Profit zu erzielen. Das hat nicht ganz geklappt, doch nach acht Jahren war der Durchbruch geschafft.

 

 

Mit »Filmemachen« allein ist dein Job noch nicht getan. Wie kommst du an dein Geld?


Mein Umsatz setzt sich aus verschiedenen Teilen zusammen: Filmtour, DVD Verkauf, Sponsoring, Events, Kameramann und Fremdproduktionen. Alles zusammen ergibt einen netten Kuchen, wobei meine Fixkosten im Verhältnis zu den meisten anderen Selbstständigen gering sind.

Das Sickline-Office in der Nussdorfer WG
Foto: Archiv Olaf Obsommer

 

Wo siehst du dich in 10 Jahren?


Mmmmh, keine Ahnung. Das Leben bietet so viele Möglichkeiten. Vielleicht das: Hund, Katze, Haus, Frau und Kinder – oder Hollywood, Weltenbummler, Fussballstar, Feuerwehrmann, Opernsänger, Schuhfachverkäufer ... Mir schwirren noch so viele Projekte im Kopf herum und es bereitet mir immer noch große Freude, zu filmen und paddeln. Also mal sehen.

 

 

Kannst du einen kleinen Ausblick geben, was wir nächste Saison von dir erwarten können?


Da ich kein Geheimniskrämer bin, werde ich es erzählen. Es steht viel auf dem Programm. Jetzt geht es erstmal nach Chile, um für »Sickline V« zu drehen. Im Januar und Februar steht Schneiden auf dem Programm, im März die Filmtour und das Filmfestival (28. Februar Rosenheim, 7. März Germersheim, 14. März Unna). Im April geht’s nach Sumatra zum Wildwasser und Seekajakfahren, im Mai ins Tessin, im Juni nach Russland und im Juli nach Norwegen mit dem Zug von Süd nach Nord und zum Seekajakfahren auf den Lofoten. Ab September stehen Vorbereitung und Durchführung der Adidas-Sickline-WM an, im November die nächste Filmtour und im Dezember geht's nach Neuseeland.

Filmographie & Trailer

1998 Boof Chicken Boof
1999 Sickline I
2000 Richtig Rodeofahren, Sickline II
2001 Young Fresh'N'New
2002 Stickine - The great River
2003 Sickline III - The story unfolds
2004 Sickline IV - Pain is temporary, glory for ever
2005 Bowron Lakes, Slave River, Skook - eine Magische Gezeitenstromschnelle, Norway - Extreme Harmony, Malediven - Paddeln im Paradies
2006 Türkei - Im Land des Halbmonds, Sambesi - Der Rauch, der donnert
2007 Pakistan - Taming the Lion, Montenegro - das vergessene Kanuparadies
2008 Grönland - Into the ice, Extreme Harmony - Tessin, Piemont, Pyrenäen, Gabun - Into the dschungle, Wales - Bitches


Zusätzliche Informationen und Links

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