Retten Reloaded: Was tun im Ernstfall?
Wer seinen Mitpaddlern ein guter Kamerad sein will, der beherrscht die Techniken der Wiederbelebung aus dem Effeff. Hier Notfallkarte downloaden.
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Wer seinen Mitpaddlern ein guter Kamerad sein will, der beherrscht die Techniken der Wiederbelebung aus dem Effeff. Wenn nämlich das berüchtigte Prozent Restrisiko zuschlägt und der Paddler länger unter Wasser gezogen wird, als er Luft in der Lunge hat, zählt jede Sekunde.
Im Vergleich zu Sportarten wie Klettern, Gleitschirmfliegen oder auch Skifahren ist der Kanusport ein vergleichsweise sicherer Sport. Dennoch: Wasser hat keine Balken, und daher steht der Tod durch Ertrinken auf Platz 1 der möglichen Unfallszenarien. Wohl dem, der diesem Szenario durch eine profunde Ausbildung in Theorie und Praxis sowie kluge Fahrtenplanung unter Einkalkulierung aller Eventualitäten den größten Schrecken nimmt. Teil dieser »Paddler-Vollkasko« zur Vermeidung des Kanu-Super-GAUS sind exzellente Kenntnisse in Erster Hilfe, um einen beinahe Ertrunkenen zurück ins Leben zu holen. KANU-Doc Horst Hohn, im echten Leben als Facharzt in Koblenz tätig, verrät, wie das im Detail funktioniert. Doch eines gleich vorneweg: Das Lesen und Verstehen dieses Artikels ersetzt keinen Praxiskurs.
Um die besonderen Chancen einer Wiederbelebung im Kanusport zu verstehen, lohnt ein nüchterner Blick auf den Vorgang des Ertrinkens. Beim ungewollten Untertauchen (Submersion) kommt es zunächst zum reflektorischen Anhalten der Atmung. Taucht der Schwimmer auf, atmet er wiederum reflektorisch tief ein. Es folgt eine unkontrollierte und ineffektive Atmung. Hierdurch und durch die körperliche Bewegung steigt der Kohlendioxydgehalt im Blut schnell an. Die Folge: Ein absoluter Atemzwang, der Verunglückte schnappt nach Luft, weiteres Wasser wird verschluckt und aspiriert (Wasser dringt in die Atemwege ein). Der in den Atemwegen entstehende Mix aus Luft und Wasser bildet einen Schaum, der zu heftigster Atemnot führt. Typisch sind jetzt extreme Panik und völlig unkontrollierte Bewegungen, die eine Rettung sehr erschweren. Schließlich sinkt der Sauerstoffgehalt im Blut stark ab. Es kommt zu Krämpfen mit zunehmendem Bewusstseinsverlust, Ansteigen des Blutdruckes und Sinken der Herzfrequenz. Die fortschreitende Unterkühlung beschleunigt diesen Vorgang. Kurz vor dem Tod zeigt sich dann die sogenannte präfinale Atempause. Mit dem Eintritt des Todes stellt sich eine finale Schnappatmung ein: Ein massiver Wassereinbruch in die Lunge führt zum Erliegen der Herztätigkeit und damit zum Tod. Jetzt zählt jede Sekunde, denn bereits nach zwölf Minuten ohne Sauerstoff nimmt das Gehirn Schaden. Beim Paddeln allerdings, wenn der Ertrinkungsunfall mit einer Unterkühlung (durch kaltes Wasser) einhergeht, kann sich diese Zeitspanne weiter verlängern – was die Chancen einer Wiederbelebung ohne Folgeschäden erhöht.
Außerhalb des Kanusports spielt das Ertrinken als Notfall kaum eine Rolle. Hier führen meistens Herzerkrankungen zum Kollaps. Daher misst man in den seit 2007 gültigen Erste-Hilfe-Richtlinien der Herzdruckmassage eine größere Bedeutung zu. Der Ertrunkene hat jedoch ein massives Problem der Atemwege mit einem daraus folgenden schweren Sauerstoffmangel, während das Herz meist gesund ist. Deshalb wird in den CPR-Richtlinien dem Ertrinkungsunfall eine Sonderrolle zugeteilt: Weiterhin wird mit der Beatmung begonnen, und zwar so früh wie möglich.
Sowohl bei der Rettung der verunglückten Person, besonders aber bei der Bergung von Material hat der Eigenschutz der Retter absolute Priorität. Es gibt namhafte Paddelkoryphäen (wie Mike Jones und François Cirotteau), die beim Versuch, einen Kameraden zu retten, selbst ums Leben kamen. Deshalb gilt: erst für Eigenschutz sorgen, dann retten!
Die Rettung des Paddlers hat absolute Priorität vor der Bergung des Materials. Verunglückte ohne Lebenszeichen sind schnellstmöglich an Land zu bringen. Ist keine normale Atmung feststellbar, der Weg zum Ufer aber noch weit oder nicht möglich, muss schon im Wasser mit der Beatmung begonnen werden. Das gilt insbesondere für verklemmte Paddler oder Unfälle auf weitläufigem Gewässer.
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11.10.2009
© KANU-Magazin Ausgabe 03/2007
Autor: Horst Hohn
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