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Know-How

Moviestar, Moviestar: Anleitung zum perfekten Kurzfilm

10. Oktober 2009 von Simon Strohmeier

Kanufilmguru Olaf Obsommer wird sich warm anziehen müssen. Denn mit dieser Anleitung für den meisterhaften Youtube-Clip hilft Videojunkie Simon Strohmeier dem Nachwuchs auf die Sprünge.

Wer von Zeit zu Zeit im Internet seine Runden dreht, der kennt sie. Auf unzähligen Blogs, auf Myspace, Facebook, Vimeo und Youtube, schon Jahre online oder brandneu gepostet: kurze Videoschnipsel, die die Essenz des Paddelns auf den Punkt bringen. Besonders die Freestyle-Fraktion dokumentier­t den Status quo der Entwicklun­g eifrig online.

 

Höchste Zeit also, dass ihr es ihnen gleichtut. Ein Patentrezept, wie ihr perfekte Videoclips schneiden könnt, gibt es natürlich nicht. Als Faustregel gilt: Gut ist, was gefällt. Aber gefallen wird nur, was funktioniert – also wede­r verwirrt noch Fragen aufwirft. Mit den handwerklichen Grundlagen, etwas Fantasie und diesem Leitfaden, der das Making-of eines Kurzfilms über die Salzburger Hardcore-Welle beschreibt, habt ihr einiges an Rüstzeug an der Hand.

Egal was man vorhat, wichtig ist es, schon vor der ersten Aufnahme ein Konzept zu haben. Klar, der Familienvater, der den kommenden Schwedenurlaub dokumentieren will, wird selten mit einem Drehbuch im Gepäck losziehen, sondern eher spontan auf Situationen eingehen und filmen, was ihm vors Objektiv kommt. Für den Freestyle-Rookie, der sich selbst oder den wenig bekannten Playspot in Szene setzen möchte, kann es hingegen wichtig sein, ein solches vorab zu Papier zu bringen. Beide sollten aber schon vorher wisse­n, wo sie hinterher hinwollen. Dabe­i muss auch nicht bis ins Detail am Spannungsbogen gefeilt werden. Ein guter Plan im Vorfeld hilft aber, dass man das richtige Equipment einpackt, mit mehr Selbstbewusstsein an das Projekt herangeht und viel Zeit spart. Mitpaddler müsse­n unter Umstände­n weniger lange warten und können sich besser auf die Situatio­n einstellen.

Schritt 1: Gewusst was

Erst denken, dann drehen... Gibt es eine Geschichte zu erzählen die als roter Faden fungiert?

Bevor die erste Klappe fällt und der erste Paddler ablegt, sollten folgende Eckpunkte geklärt sein:

  • Für wen genau entsteht der Beitrag? Während meine Großeltern gerne sehen, ob der hungrige Enkel am Abend Pasta rot oder weiß am Lagerfeuer kocht, ist es für meinen Bruder Seppi immer interessanter, ob der Schwimmer im Pool nach dem ersten Wasserfall nicht auch den zweiten Wasserfall noch tauchen musste. Schnittrhythmus, Thematik und Umsetzung sollten der Altersgruppe angepass­t sein. Anstelle von zwei langen Einstellungen beim Zwiebelschneiden würden im zweiten Fall mehrere kurze Bilder einen Wurfsack zeigen, der ins Leere geht und den bunten Helm, wie er über die Kante verschwindet.
  • Gibt es eine Geschichte zu erzählen, einen roten Faden, oder soll der Clip eine bestimmte Botschaft vermitteln? Der Beitrag zum aktuellen Staudammprojekt führt vielleicht langsamer an die Problematik heran als der neuste Wildwasserporno mit harten Helden und noch härterer Musik.
  • In meinem Fall sah der Plan wie folgt aus: Die Welle ist der Hauptdarsteller. Als Hilfestellung sollte mein Bruder Seppi erklärend durch den Clip führen.

 

Nachdem von Anfang an abzusehen war, dass wir nur zu zweit sein würden und auch mal beide gemeinsam paddeln wollten, war ein Stativ Pflicht (ist es eigentlich immer) und ein Extra-Mikro­fon für das Interview von Vorteil. Klare Zielgruppe waren Kajakfahrer, die sich für diese spezielle Welle interessieren oder sogar Ambitionen haben, selbst dort zu paddeln. Folglich sollte der Clip einen möglichst guten Überblick mit allen Vor- und Nachteilen der Stelle vermitteln.

Schritt 2: Umsetzung

Wenn der Plan steht, ist der Film im Kopf quasi schon fertig – nur anschauen kann ihn halt noch keiner. Also Akkus laden, Speicherkarten einpacken und ab ins Abenteuer. Meistens ist es hilfreich, schon beim Filmen an den Schnitt zu denke­n. Wer sich vor Ort im Klaren ist, wie bestimmte Handlungen späte­r im Film aufgelöst werden sollen, kann gezielter agieren und spart Zeit sowohl hinter der Kamera als auch vor dem Computer. Aber Vorsicht: schlimmer als eine Einstellung zu viel zum Sichten ist eine wichtige Einstellung zu wenig. Soll der Clip nicht allein Stimmung erzeugen, sondern auch Informationen vermitteln, ist es wichtig, dem Zuschauer ein gewisses Maß an Orientierung zu geben. Der Clip zur Hardcore-Welle in Salzburg beginnt mit der Anfahrt auf der Autobahn, Schildern, die den Weg weisen und einem Statement, welches erklärt, wo genau die Reise hinführt. Viel mehr an Orientierung für den Zuschauer ist kaum möglich. Wer am Anfang lieber noch etwas Spannung aufbauen will, könnte natür­lich noch eine Weile verheim­lichen, wo genau die Reise hingeht. Die Anfahrt zum Spot dient hier auch als kleine Einleitung und Hinführung zum Thema. Abgesehen von den Statements im Auto ist die Handlung imgesamte­n Clip chronologisch.

Schritt 3: Einstellung

Die Mischung macht's: Um einen spannenden und kurzweiligen Film zu basteln, braucht es mehr als eine Kameraeinstellung. Mehrere gefilmte Einstellungen werden später beim Schnitt zu einer Sequenz zusammengefügt, also zu eine­r thematisch und inhaltlich zusammen­gehörenden Handlung. Ein­e interessante Sequenz sollte verschiedene Kamera-Standpunkte und Einstellungsgrößen (Close Up, Total­e etc.) beinhalten. Umso gemischter, desto interessante­r.

 

Aus verschiedenen Sequenze­n ergibt sich später der Film. Nur wenn alle Bausteine eines Films zusammenpassen, wird das End­produkt eine Einheit ergeben.

Schritt 4: Kontinuität

Das Sonnenlicht verrät es: zwischen den einzelnen Einstellungen ist eine gewisse Zeit vergangen. Doch durch die Wahrung der Kontinuität funktioniert diese Sequenz im Film problemlos.

Ziel ist es, die Illusion eine­r kontinuierlich ablaufenden Handlung im Film zu erzeugen, auch wenn die einzelnen Einstellungen nicht unmittelbar zusammenhängend gefilmt wurden. Da man aber selten mit mehreren Kameras denselben Blunt filmt, sondern meist mehrere ähnliche Blunts aus verschiedenen Kamerapositionen filmt, müssen dies­e verschiedenen Einstellungen später im Schnitt zu einer Sequenz zu­sammen­gefügt werden.

  • Damit ein Schnitt unsichtbar wirkt und nicht springt, also vom Auge des Betrachters nicht als solcher wahrgenommen wird, gibt es viele Möglichkeiten: Ein Beispiel wäre ein Anschluss in der Bewegung des Motivs, also des Paddlers. Aber auch durchgehende Musik, einheitlicher Schnittrhythmus oder Erhalt des Standpunktes können Schnitte, die augenscheinlich nicht passen, funktionieren lassen.
  • Werden Ereignisse geschildert, die länger dauern, als es im Clip sinnvoll wäre, muss die erzählte Zeit gerafft werden. Durch Wahrung der Kontinuität innerhalb der Sequenz kann dem Zuschauer trotzdem ein linearer Zeitverlauf vorgegaukelt werden. Obwohl zwischen den drei Einstellungen im Beispiel mehrere Stunden vergangen sind, wirkt die Handlung durchgehend.
  • Schnitte mit gleichen Einstellungsgrößen und Kamerapositionen springen meistens. Also schon beim Filmen darauf achten, möglichst viele unterschiedliche Blickwinkel und Einstellungsgrößen einzufangen. Falls ihr in die Verlegenheit kommt, zwei ähnliche Einstellungsgrößen schneiden zu müssen, ist es hilfreich, nach dominanten Bewegungen des Motivs zu suchen.
  • Genauso wichtig für die Orientierung im Raum ist das Einhalten der Handlungsachse. Wenn in einer Einstellung der Fluss von links nach rechts durch den Monitor strömt und in der nächsten genau umgekehrt, wurde beim Filmen vor Ort die Uferseite gewechselt – und somit auch die Handlungsachse überschritten. Falls so ein Schnitt wichtig ist, könnte zwischen die beiden Bilder eine Einstellun­g geschnitten werden, die genau auf der Achse liegt (z. B. eine Subjektive aus der Sicht des Paddlers) und schon wird der Sprung über die Achse nachvollziehbar.
  • Natürlich können scheinbare Schnittfehler auch als Stilmittel benutz­t werden. Ein gezielt eingesetzter Achsensprung könnte zum Beispiel ein Kippen der Situation bedeuten oder in eine andere Sicht­weise überleiten. Je mehr der Clip zum Ziel hat, Stimmung zu vermitteln, ums­o unwichtiger werden die Regeln einer nachvollziehbaren Auflösung. Es stehen dann vielmehr grafische Elemente, höhere Dynamik und ästhetisch­e Spezialeffekte im Vordergrund als die Information an den Zuschaue­r.

Schritt 5: fertig und los

Liegt der Clip endlich fertig vor, muss er nur noch auf Youtube & Co. exportiert werden, damit die weltweite Paddelgemeinde an euren Extravaganzen teilhaben kann. Leide­r gibt es dafür kein Patentrezept, da jed­e Internetplattform unterschiedliche Formate bevorzugt. Youtube beispielsweise empfiehlt die Komprimierung der Clips im MPEG2 oder MPEG4 Format, schluckt aber genaus­o Windows Media Files, AVIs oder Quicktime-Videos. Die Video­länge ist dabei auf zehn Minuten begrenzt und die Videodateien dürfen nicht größer als zwei Gigabyte sein. Genauere Informationen zu empfohlenen Datenraten oder Seitenverhältnissen gibt auf den jeweiligen Plattformen. Wer tiefer in die Materie einsteigen will, dem hilft regalweise Fachliteratur zum Thema Bildgestaltung, Kamera und Videoschnitt. Nichts geht allerdings über Praxiserfahrung und dem Lernen aus den eigenen Fehlern. Ideen habt ihr wahrscheinlich eh genu­g ...

Sound & O-Töne: God is a DJ

Perfekte Filmsequenzen und saubere Schnitte sind nur die halbe Miete, ein Schuh wird erst mit der passenden Tonspur draus. Ein wichtiges Merkmal von Videoclips ist aussagekräftige Musik. Das heißt zum einen, dass die ausgewählte Musi­k zum Bild passen sollte, zum anderen, dass auch oft auf den Rhythmus der Musik geschnitten wird. Aller­dings sollte darauf geachtet werden, nicht unbedingt jeden Beat der Musik auf einem Schnitt gipfeln zu lassen, sondern vielmehr Impulse der Musik auf Impulse im Bild zu setzen. Auch sollte die gewählte Musik die Aufnahmen nicht überlagern, sondern allenfalls begleiten.

 

Geräuschkulisse

 

Oft wichtiger als vermutet ist die »Atmo« – also die natürliche Geräuschkulisse. Zwar kann auf mono­tones Wasserrauschen gerne verzichtet werden, doch erwartet der Zuschauer bei einer Szene mit applau­dierendem Publikum auch das passende Geräusch dazu.

 

Im Originalton

 

Wer in seinen Clip kurze Statements oder Interviews einbauen möchte, sollte darauf achten, auch ein paar Schnittbilder passend zum gesprochenen Inhalt parat zu haben, um visuell­e Abwechslung zu schaffen. Passen die Bilder nicht zum gesprochenen Inhalt, spricht man von der Bild-Ton-Schere.

Experten-Tipps: Strohmeiers Tricks

Bei harten Übergängen sollte das Blickzentrum des Betrachters beachtet werden.

Auch beim Videoschnitt liegen die Tücken im Detail. Simon Strohmeier, angehender Mediengestalter, nennt die Details.

  • Weniger ist mehr: Bei selbst gedrehtem Material fällt es oft schwer, sich von der Lieblingseinstellung zu trennen, obwohl sie eigentlich nicht in die Sequenz passt. Oft ist hier die Meinung von Außenstehenden hilfreich.
  • In der Kürze liegt die ... : Wenn die erfolgreiche Wasserfallbefahrung schon von 16 Paddlern gezeigt wurde, kann man getrost bei Nummer 17 die Einfahrt weglassen.
  • Die Erleuchtung: In der Regel sind Paddler auf vorhandenes Licht angewiesen. Wenn die Möglichkeit besteht, dann lieber im frühen oder späten Licht filmen und die Mittagszeit meiden. Vor allem bei Interviews werden so harte Schlagschatten in den Augenhöhlen verhindert.
  • Achtung, Erdbeben: Zwar schwierig im Boot zu transportieren, sollte wenn möglich ein Stativ verwendet werden. Auch wenn in Sportclips oft extreme Perspektiven und dynamische Kamerabewegungen ein­gebaut werden, stressen zu wackelige Bilder auf Dauer den Zuschauer.
  • Kampf dem Blaustich: Ein steter Weißabgleich sorgt bei unterschiedlichen Lichtsituationen für farblich neutrale Bilder.
  • Es lebe die Abwechslung: Oft viel interessanter als perfekte Linie­n im Katarakt sind die Angst vor der Befahrung oder die Euphorie danach. Die Mischung macht's.
  • Nicht negativ drehen: Kaum zu glauben, aber wahr. Auch bei professionellen Kameramännern kommt es immer wieder vor, dass die Kamera aus ist, wenn sie laufen soll und umgekehrt. Das kleine rote Lämpchen gibt Aufschluss.
  • Qualitätsverlust: Bietet die Kamera die Möglichkeit, im Seitenverhältnis 16:9 zu filmen, ist das die bessere Wahl, da zur Not später von 16:9 auf 4:3 ohne Qualitätsverlust durch Beschneiden der Seiten umgewandelt werden kann. Bilder in 4:3 hingegen müssten hochskaliert werden. Ein breiteres Bild entspricht außerdem eher den Sehgewohnheiten des menschlichen Auges.

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