Neue Perspektiven braucht das Land – Digitalfotografie und etwas Erfindungsreichtum ermöglichen Experimente, deren Resultate sich sehen lassen können.
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Know-How
Fotoworkshop Teil 1: Der Film ist tot, lang lebe Digital
Mittlerweile hat sich's bis ins letzte Kehrwasser herumgesprochen: Die Digitalfotografie bietet derart viele Vorteile, dass die gute alte analoge Kamera beruhigt in Rente geschickt werden kann.
Größter Pluspunkt der Digifotografie ist ohne Frage die schnelle Bildkontrolle, wodurch die Lernkurve deutlich profitiert. Statt eine Woche auf die Entwicklung zu warten, kann eine Sekunde nach der Auslösung das Ergebnis bewundert und gegebenenfalls verbessert werden. Augen zu beim Gruppenfoto oder Arme vorm Gesicht beim Paddeln gehören damit endgültig der Vergangenheit an. Und da nicht spätestens nach 36 Bildern der Film gewechselt werden muss, sondern je nach Speicherkarte an die 1000 Bilder belichtet werden können, kann nach Herzenslust experimentiert werden: Kamera hochhalten, Froschperspektive, Mitzieher, Serienbilder – erlaubt ist, was der Speicher hergibt.
Angenehmer Nebeneffekt der Bildkontrolle: Nicht nur der Fotograf kann sich am Ergebnis ergötzen, auch das Model sieht sofort, dass sich das Warten im Kehrwasser auf das nächste Wolkenloch gelohnt hat. Und am Abend kann man dann die ganze Truppe mit einer Diashow am Laptop für den nächsten Tag einschwören.
Schietwetter ist auch kein Grund mehr, die Kamera stecken zu lassen. Dank höheren Kontrastumfangs des Chips im Vergleich zum Film und versteckter Reserven (manche Chips zeichnen das Bild mit bis zu zwei Blendenstufen Unterbelichtung und zwei Blendenstufen Überbelichtung auf) kann man bei der Bildnachbearbeitung (dazu mehr in Folge 4) auch bei Regen die Sonne aufgehen lassen – naja, zumindest fast ;-)
Spätestens bei der Kostenrechnung wird auch der letzte Digital-Verweigerer konvertieren. Statt unaufhörlich in Entwicklung und Verbrauchsmaterial zu investieren, kostet das digitale Foto zunächst einmal nicht mehr als den Platz auf der Festplatte. Geld kostet es erst, wenn man seine Bilder trotzdem als Papierbild ins Album kleben, auf Kaffeetassen verewigen oder als XXL-Druck an die Wand hängen will.
Derlei Sperenzchen waren mit Analogfilm erst nach einem kostspieligen und vom Ergebnis oft dürftigen Scanprozess möglich. Heute kann man seine Digitalbilder dagegen sofort nach Aufnahme verlustfrei per E-Mail verschicken, im Internet online stellen oder auf einem mobilen Fotodrucker schneller ausdrucken, als dass das Shuttleauto nachgeholt ist.
Die Kehrseite der Medaille
Wo Licht ist, ist natürlich auch Schatten. So benötigen Digitalkameras ungleich mehr Strom als Analogkameras. Wer heute länger als drei, vier Tage ohne Steckdose unterwegs ist – was Paddler ja besonders erstrebenswert finden –, sollte ein bis fünf Ersatzakkus (ab 30 Euro das Stück) bereithalten. Oder man nimmt seine Steckdose in Form eines Solarpanels einfach mit, was aber ebenfalls wenigstens 200 Euro kostet und im isländischen Tiefdruckwirbel eher nicht funktioniert.
Auch das Gefühl der aufkommenden Panik, wenn nach dem einmonatigen Kanadatrip die 8-Gigabyte-Speicherkarte Lesefehler meldet und sämtliche Urlaubserinnerungen im Datennirwana scheinen, verlängert die Lebenserwartung des Fotografen nur bedingt. Doch hier kann zumindest eine Teilentwarnung gegeben werden, da spezielle Datenrettungssoftware in 90 Prozent der Fälle das Schlimmste verhindern kann.
Diavorträge, einst für manchen Lacher (oder Schnarcher) im Bootshaus gut, drohen in Zeiten des Digitalismus ebenfalls auszusterben. Will man nämlich seine Bilder in XXL an der Wand präsentieren, muss man einige hundert Euro in einen Beamer investieren (ohne der gewohnten Bildqualität eines Dias im Leica-Projektor auch nur annähernd nahezukommen).
Viel Ehr für wenig Euro
Eindeutig, die Vorteile schlagen die Nachteile nicht erst im Elfmeterschießen und soviel ist nun klar: Eine Digitalkamera muss her. Doch welche?
Hier unterscheidet man zwischen Kompaktkameras mit fest eingebauter Optik und Spiegelreflexkameras (SLRs) mit Wechselobjektiven. Kompaktkameras punkten durch ihren geringen Einstandspreis, der hosentaschentauglichen Maße und der mittlerweile respektablen Bildqualität. In letzter Zeit schießen zudem verstärkt wasserdichte Modelle aus dem Boden, die man sorglos in der Schwimmweste spazieren fahren kann.
Will man aus Kompaktkameras das Optimum herausholen, muss man sich jedoch einiger Kniffe bedienen. So ist es aufgrund der im Vergleich zu den SLRs kleineren Chipgröße essenziell, dass man die Einstellung der Empfindlichkeit (ISO) manuell vornimmt und möglichst niedrig (50 oder 100 ISO) hält, damit die Kamera diese nicht automatisch hochfährt und der Chip zu Rauschen beginnt. So nennt man die grisseligen Bildstörungen, die mit längerer Belichtungsdauer, hohen Temperaturen, dunklen Flächen im Motiv und dem besagten »hochgefahrenen« Chip einhergehen. Auch die Auflösung des Chips hat beim Bildrauschen ein Wörtchen mitzureden. Grundsätzlich gilt: Je höher die Gesamtpixel, desto anfälliger ist die Kamera fürs Bildrauschen, da die Chipfläche nicht größer wird, sondern nur die einzelnen Sensoren enger zusammenrücken. Doch den »Pixelkrieg« bei den Kompakten muss man ohnehin nicht mitmachen, da bereits ab 6 Mio. Pixel verlustfreie A3-Ausdrucke mit 150 dpi-Auflösung möglich sind.
Auch der Eingriff in die Programmautomatik der Kamera muss möglich sein, um die Verschlusszeit beeinflussen zu können. Denn je größer – also schneller – die Action, desto kürzer muss die Verschlusszeit sein, um knackscharfe Bilder zu bekommen. Ein vorbeibummelnder Wanderpaddler erfordert mindestens 1/60 Sekunde, ein senkrechter Wasserfall-Stürzer ist nicht unter 1/500 Sekunde artgerecht einzufangen. Im Idealfall bietet die Kamera dafür eine sogenannte Zeitautomatik, wenigstens aber ein Sportprogramm mit Priorität auf kurze Verschlusszeiten.
Als Sucher dient meist das energieintensive Display auf der Kamerarückseite, einen optischen Sucher sucht man meist vergeblich. Weiterer Knackpunkt ist die Auslöseverzögerung. Bei Kameras mit einer langen Verzögerung zwischen gedrücktem Auslöser und tatsächlicher Aufnahme wird es schwer, ein Bild so zu realisieren, wie man es gern hätte – halbierte Paddler oder gar tosende Katarakte ganz ohne Akteure sind die Folge. Also unbedingt eine Kamera wählen, die eine Auslöseverzögerung von unter 0,1 Sekunde aufweist.
»40-50 Gigabyte in zwei Wochen«
Lars Schneider ist KANU-Lesern seit Jahren ein Begriff. Der Hamburger Jung lebt mittlerweile als Profifotograf von seinen weltweiten Reportagen, die er am liebsten aus der Kajakperspektive erlebt.
Seit wann fotografierst du digital?
Seit Mai 2005, nachdem die Nikon D2x auf den Markt gekommen war. Mit ihr konnte ich endlich die digitale Qualität bieten, auf die ich bei Nikon lange
gewartet hatte. Außerdem stand eine viermonatige Reise an, auf der ich das gleiche Geld in Filme und Entwicklung gesteckt hätte.
Auf wie viel Megabyte Bilder kommst du pro Trip und wie speicherst du unterwegs?
Hängt natürlich von der Länge der Touren und den Bedingungen vor Ort ab. In zwei Wochen kommen schnell 40-50 Gigabyte Rohdaten zusammen, die dann aber noch editiert werden müssen. Wenn ich abseits der Zivilisation unterwegs bin, lade ich meine Speicherkarten auf eine portable Festplatte.
Welche Ausrüstung benutzt du?
Im Digitalbereich die erwähnte Nikon D2x und eine Nikon D200, dazu diverse Objektive von Nikon und Sigma. Für Kalender und Bücher fotografiere ich aber auch im Mittelformat mit einer Contax 645 mit Wechselobjektiven.
Wie lädst du unterwegs die Akkus?
Wenn weder Steckdosen noch Zigarettenanzünder greifbar sind, heißt es, Strom zu sparen. Für die D2x habe ich zwei Akkus, von denen einer 2200 Aufnahmen schafft. Einmal habe ich damit 12 Tage geknausert.
Fünf Profi-Tipps für KANU-Leser?
• Tolle Portraits von seinen Mitpaddlern kann man auch an bewölkten Tagen machen. Dann ist das Licht schön gleichmäßig, es gibt keine unglücklichen Schatten im Gesicht.
• Ein Stativ hilft, um den Bildaufbau bis ins Detail kontrollieren zu können und um in den frühen/späten Stunden des Tages mit weniger Licht verwacklungsfrei arbeiten zu können.
• Kamera auf alle Fälle wasserdicht, aber trotzdem griffbereit verstauen. Man weiß nie, welche tollen Motive die nächste Kurve bringt.
• Auch mal Aussteigen: Die besten Bilder macht man oft vom Ufer aus.
• Auf die Art und die Farbe der Bekleidung der Mitpaddler achten. Rot, Grün oder Gelb sehen vor einem blauen Himmel immer besser aus, als blasses Braun, Grau oder gar Schwarz.
Was hast du mit deiner alten Kamera gemacht?
Sie liegt noch im Regal neben der restlichen Kameraausrüstung. Und im Eisschrank im Keller lagern noch über 100 Diafilme.
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