Wer viel im kalten Wasser paddelt, dem können die Ohren zuwachsen. Wie bitte, nie gehört? Dann sind Ihr wohl vorwiegend Schönwetterpaddler. Oder es hat andere Gründe – Gehörgangs-Exostosen etwa, eine Ohrenerkrankung die ohne Prävention am Op-Tisch endet. Damit Euch dieses Schicksal erspart bleibt und Ihr auch morgen noch kraftvoll hinhören könnt, verraten wir Hintergründiges und Vorbeugendes zum Thema Exostosen.
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Know-How
Wasser macht schwerhörig: Ursachen, Folgen und Prävention von Exostosen
Wie bei vielen anderen Wassersportarten auch sind die Ohren von Kajakfahrern anfällig für Probleme. Paddlerohren, die häufig mit kaltem Wasser in Kontakt kommen, neigen zu sogenannten Exostosen – das sind Verknöcherungen des Gehörgangs. Diese Knochenauswüchse im Ohr können zu weiteren Komplikationen, z.B. zu häufigen Ohr-Entzündungen und schlechterem Hörvermögen führen.
Für Surfer-Ohren ist das bereits in einer wissenschaftlichen Studie bestätigt worden. Ein Forscherteam um Craig Derkay und David Kroon, das über 200 Wellenreiter untersuchte, stellte fest, dass 1/3 der Untersuchten von dem Problem befallen war. Dabei zeigte sich, dass Surfer, die häufig in kaltem Wasser unterwegs sind, deutlich stärker betroffen waren. Mehr zur Studie.
Diese Ergebnisse von Surfern lassen sich natürlich auch auf Paddler übertragen. Gerade Wildwasser- und Freestyle-Paddler sind häufig mit dem Kopf im Wasser. Doch auch alle anderen, die jetzt im Winter paddeln, sollten sich und ihre Ohren vor kaltem Wasser und damit vor den unliebsamen Verknöcherungen schützen. Die Mediziner Derkay und Kroon warnen vor langfristigen Problemen und schlagen vor, Ohrenstöpsel zu benutzen, um die schädlichen Auswirkungen des kalten Wassers zu vermindern.
Hintergrund: Exostosen, was ist das?
Gehörgangs-Exostosen sind eine Krankheit die Wassersportlern häufig das Leben schwer mach. Wie muss man sich solche Exostosen nun vorstellen?
Der äußere Gehörgang hat zwei Abschnitte, den knorpeligen und den knöchernen. Der knöcherne Gehörgang ist normalerweise im Querschnitt oval und hat einen Durchmesser von etwa 6 - 8 mm. Wenn regelmäßig kaltes Wasser bis zum Trommelfell eindringt, wird im Bereich des knöchernen Gehörgangs die Knochenhaut (Periost) gereizt, die dort von einer dünnen Hautschicht bedeckt ist. Die Reizung der Periosis regt ein Wachstum des kompakten Knochens an. Die Geschwindigkeit des Zuwachsens scheint von der Temperatur des Wassers und der Dauer und Häufigkeit der Belastung abhängig zu sein. Meist sind beide Ohren gleich betroffen.
Verengung im Endstadium
An sich ist ein bisschen Knochenwachstum nicht weiter schlimm, es tut nicht weh und hat keinerlei Einfluß auf das Auftauchverhalten des betroffenen Paddlers. Nimmt das Knochenwachstum allerdings extreme Formen an, kann sich der Gehörgang zu einem sternförmigen Schlitz verengen. Hinter den Wucherungen kann sich leicht Wasser festsetzen. Auch können die Schlitze schnell durch Ohrenschmalz verstopfen. Dies führt zu Hörstörungen (Schalleitungsschwerhörigkeit), auch eine Entzündungen des äußeren Gehörganges (otitis externa) ist möglich. Wird eine solche Entzündung nicht behandelt, kann sie auf Trommelfell und Mittelohr übergreifen. Als äußeres Zeichen der Entzündung entsteht Ausfluß aus dem betroffenen Ohr, ein Druckschmerz im Ohr, eventuell auch eine Hörstörung. Beim dann dringend fälligen Arztbesuch kann ein Hinweis auf den betriebenen Wassersport die Untersuchung abkürzen. Ist der Paddler im Exostosenendstadium angelangt (meist nach zehn und mehr Jahren aktiven Bootfahrens), bringt nur noch eine Operation langfristig Linderung – und das Zwitschern der Vögel zurück.
Der Ernstfall: Bohrer marsch
Vor der Operation sollte eine evtl. Entzündung des äußeren Gehörgangs ausgeheilt sein. Der Eingriff wird unter örtlicher Betäubung oder in Vollnarkose durchgeführt. Über einen Erweiterungsschnitt des knorpeligen Gehörgangs wird Platz geschaffen. Mit einem Tellermesser löst man die Haut von den Knochenwülsten. Die freigelegten Exostosen werden dann mit einem Diamant-Bohrer abgeschliffen, die vorher abpräparierten Hautlappen wieder rückverlagert. Der Gehörgang wird nach der Operation austamponiert. Der Patient hat Paddelverbot, bis die Wundheilung vollständig abgeschlossen ist. Das kann schon mal 3 Wochen dauern. In dieser Nachsorgephase muß der Gehörgang regelmäßig gesäubert und gepflegt werden. Von der Narbe sind hinterher höchstens 2 cm sichtbar.
Der beschriebene Eingriff wird technisch umso schwieriger, je enger der Gehörgang geworden ist, d.h. je länger die Operation hinausgezögert wurde. Komplikationen können entstehen, wenn die Hautlappen abreißen oder das Trommelfell verletzt wird. Das kann bei entzündlicher Vorschädigung und bei vollständiger Verlegung des Gehörgangs vorkommen, wenn der Eingriff »blind« geschehen muß. In seltensten Fällen kann durch die Vibration des Bohrers eine Art leichter Lärmschwerhörigkeit als Dauerfolge entstehen. Da keine Notsituation vorliegt, ist der Zeitpunkt der Operation planbar. Idealtermin sind wohl kalte, wasserarme Winter.
Prävention: Besser Ohren dicht

Den Ohrstöpsel-Klassiker gibt's günstig in der Apotheke.
Generell gilt: Je weniger Wasser ins Ohr kommt, umso besser. Wer nur im Sommer paddelt und sich eiskalte Gletscherflüsse wie die Ötz erspart, wird wenig Probleme bekommen. Alte Wildwasserhasen, Ganzjahrespaddler und Rodeopiloten hingegen sollten sich die Ohren möglichst wasserfest präparieren. Generell empfiehlt sich das Tragen einer enganliegenden Neohaube und viele Kajakfahrer paddeln bereits mit Ohrenstöpseln. Dabei ist eine ganze Bandbreite von unterschiedlichen Stöpseln erhältlich. Manche Paddler greifen zu sehr günstigen handelsüblichen Schallschutzpropfen, die allerdings Wasser ziehen und sehr unbequem sein können. Außerdem schlucken sie die meisten Umweltgeräusche, was der Sicherheit beim Paddeln und dem Wohlbefinden nicht zuträglich ist.

Angepasste Ohrstöpsel, wie die »Aquastop« von Neuroth, gibt es beim Hörgeräteakustiker um ca. 50 Euro.
Besser – und meist letzte Rettung vor einer drohenden Operation – ist die professionelle Möglichkeit: sogenannte Schwimmschutzotoplastiken. Das sind Ohrenstopfen, die vom Hörgeräteakustiker individuell angefertigt werden. Dieser setzt einen Wattetampon in den äußeren Gehörgang und spritzt dann das Ohr mit einer Silikonmasse aus. Von diesem Abdruck wird dann eine passgenaue Otoplastik gefertigt, die das Ohr fast völlig abdichtet. Diese Plastiken sind schwimmfähig und können außerdem per Kordel an Helm oder Weste gesichert werden. Ganz wichtig: Sie dämpfen Geräusche deutlich weniger als normale Schallschutzstopfen. Trotzdem kann man wegen fehlender Hochtöne ein rauschendes Wehr mal überhören – und sollte deshalb besonders auf unbekannten Gewässern vorsichtig sein. Genaue Infos gibt's beim HNO-Arzt und beim Hörgeräteakustiker.

»Doc's ProPlugs« gibt's im gut sortierten Kanufachhandel.
Wem diese Variante zu teuer ist, der kann auf »Doc's ProPlug«-Ohrenstöpsel zurückgreifen. Die angenehm zu tragenden Stöpsel in »Ohrform« gibt es in 8 Größen, passend für jede Ohrgröße. Die Stöpsel sind zusätzlich mit einer Kordel versehen, mit der man sie z.B. am Helm befestigen kann. Damit sind sie immer an der richtigen Stelle und gehen nicht verloren. Mehr Informationen gibt es im gut sortierten Kanu-Fachhandel oder unter www.paddle-people.com.
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